An der Adamanenküste

Die Andamanenküste wird von vorgelagerten Inseln, Halbinseln, Meeresarmen, Flußmündungen und Felsformationen, die bis ans Meer reichen, zergliedert.

Die in Nord-Südrichtung durchgehende Küstenstraße verläuft deshalb weiter im Inland. Kurvig, mit gemäßigten Anstiegen und flotten Abfahrten.

Radfahren am Meer entlang ist nicht möglich. Radfahren zum Strand überall dort, wo Zufahrtsstraßen die kilometerlangen, menschenleeren Sandstrände erschließen.

Anwohner erklären das Ausbleiben der Strandbesucher mit der von der Regierung ausgesprochenen Sperrung der Strandabschnitte, die nach dem letzten Tsunami noch nicht aufgeräumt wurden.

Ohne von der Sperrung zu wissen, genieße ich den unendlichen Privatstrand. Erfrischend ist das warme flache Wasser bei Ebbe nicht. Der kleine Hotelpool in Suk Savran ist da noch kühler.

Zwischen Kapoe und Kura Buri fühle ich mich einerseits wie im Dschungel, weil die Vegetation hier noch dichter, grüner und üppiger an die Straße drängt.

Andererseits wähne ich mich auf einer Mittelgebirgsstrecke.

Mit Holzhäusern, die ähnlich im Schwarzwald stehen könnten, wenn die Strohmattenfransen des Nachbarn nicht wären.

„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Maupassants Weisheit gilt auch fürs Reisen.

Die Touring-Gruppe des örtlichen Radclubs hole ich am Samstag ein. Kurz vor ihrem Ziel, dem Vereinslokal in Kapoe. Wenn ich sie einholen kann, ist klar, mit welchem Wahnsinnstempo sie unterwegs sind.

Der Dolmetscher – hier mit seiner Frau – ist so was wie der Motor der Truppe. Heute haben sie 50 km geschafft. Die fitteste – Frau Dolmetscher – hat schon mal eine 140 km lange Eintagestour nach Myanmar erfolgreich zurückgelegt, wie ihr Finisher-Trikot beweist.

Zu Erfrischungsdrinks und Kaffee werde ich eingeladen. Übers Radfahren reden wir, über Thailand, Deutsche in Thailand, Rentner, Arbeit und Wochenende. Mein schwer bepacktes Rad ist für sie Anlass zu Unverständnis. Sie wollen wissen, was ich mit schleppe und lachen mich aus, als ich einen Fleecepulli erwähne, ein Paar Laufschuhe und meine Tevas. Flipflops zu den Radschuhen wären ja wohl ausreichend gewesen, meinen die Frauen. Wir scherzen viel. Über den Bauch des etwas kräftigeren Fahrers. Über die abgebrochene Angelrute, die einer als flexiblen Mast für den Vereinswimpel am Hinterbau montiert hat. Über die Radlerin mit dem blauen Kopftuch, als sie zu vehement von sich weist, mit dem Dickeren liiert zu sein.

Das Vereinslokal ist auch Fahrradwerkstatt. Ganzer Stolz ihres Betreibers – hinten stehend mit Kappe – ist ein rot-weißes S-Works Mtb, das er gut versteckt in seiner dunklen Werkstatt, wo ich’s nicht mal fotografieren kann.

Zum Abschluss zeigt mir einer von ihnen nochmal stolz das Vereinsemblem des Kapoe Cycling Club – immerhin 20 Miglieder, 2 Frauen –  so als ob er mir sagen wolle, merk dir, mit wem du heute Spaß hattest.

An der Andamanenküste wohnen deutlich mehr Muslime als am Golf.

Darum auch in allen Orten eine Moschee, zu deren angegliederter Schule die Jungen auch am Sonntag unterwegs sind.

Ein Gebäude ohne Stromleitungen zu fotografieren ist in Thailand fast ausgeschlossen.

Buddhistische Statuen und Tempel sind nicht weniger präsent in den Ortsbildern.

Sonntag gegen 13.00 Uhr brauch ich nur noch ca. 20 km bis zum geplanten Ziel Khao Lak. Da komt mir der Strand von Bang Sak gerade recht, um einfach in der vom Schweißsalz fleckigen Radhose ins Meer zu springen.

Khao Lak ist der Ort, an dem 2004 die Riesenwelle besonders verheerend einschlug. Dieses Polizeiboot wurde am 2. Weihnachtsfeiertag von der Welle einen Kilometer weit ins Land gespült. Jetzt ist es Teil des Mahnmals mit angegliedertem Tsunami-Museum..

Khao Laks zentrale Strände sind beide feinsandig gelb und familienfreundlich. Auf der Hauptstraße und den wichtigsten Zufahrtsstraßen zu den Badebuchten dominiert der Rummel, abgestimmt auf europäische Pauschal-Kundschaft mit eher kleinem Budget. Restaurants mit Touri-Menüs, Bierbars, Klamotten, Kitsch und Kinderkram. An den weiter außerhalb gelegenen Stränden gibt’s höherwertige Resorts, mehr Ruhe und weniger laute Musik am Abend.

Auf meinem letzten Teilstück der Andamanenküste liegen die Strände noch weiter weg von meiner Route. Am Montagmorgen ist der Verkehr Richtung Phuket stärker als am Wochenende. Am meisten stört mich die ca. 25 km lange Baustelle, in der es wegen Bagger- Betonier- und Bitumen-Arbeiten immer wieder eng wird für Moped- und Radfahrer.

Lidra wohnt an dieser Straße und fährt hier jeden Morgen zwei Stündchen Rad. In diesem Outfit treffe ich sie kurz nach 10 Uhr bei 37°C. Das Halstuch hatte sie beim Fahren über Mund und Nase bis unter die Augen gezogen. Als ich sie frage, ob sie das zum Schutz gegen ‚pollution‘ mache, lacht sie und meint, zum Schutz vor der Sonne. Sie möchte nicht ‚black‘ werden.

Mit Lenkertasche, Rückspiegel, Klingel, Hupe, zwei Frontleuchten und dem runden Tacho bleibt ihr kaum noch Platz am Lenker. Sie denkt, das brächte ’safety‘.

Das chinesische Neujahrsfest wird auch in Thailand mit Böller und Feuerwerk gefeiert. Diese Mutti hat ihre vier Kinder passend zum Fest herausgeputzt.

Endlich bin ich auf der Sarasin Brücke, die die Insel Phuket mit dem Festland verbindet und einen ersten Blick in die Phang Nga Bucht bietet. Auf der Brücke zeigt die Temperatur auf meinem Garmin, warum ich heute so schlecht voran komme.

Gleich hinter der Brücke muss jeder einen Checkpoint durchfahren, in dem ich locker durchgewunken werde.

Dieses Plakat fällt mir auf, wobei ich mich frage, wieso diese Aussage besonders groß in vier europäischen Sprachen gedruckt ist. (Russisch ist auf dem Foto verdeckt) Mehr Respekt vor dem großen Geist ausgerechnet von den Partygästen in Phukets Vergnügungsvierteln? Alteingesessene Thailand-Urlauber berichten, wie Buddhafiguren immer häufiger, größer, auffälliger und werbewirksamer im Land positioniert werden, deren religiöse Bedeutung aber nachlasse. Heute morgen an dieser häßlichen Straße sehe ich mehrmals versunken Betende vor ihren Hausältären knien, die mit Früchten und Blumen als Opfergaben geschmückt sind.

Weg von der Küste fast in der Inselmitte zwischen Flughafen und Phuket Stadt finde ich die bisher bezaubernste und erholsamste Unterkunft meiner Reise. Nach der heißen, unangenehm nervigen Etappe heute, entspanne ich hier zwei Tage.