AUSNAHME ZUSTAND

Sharjah, 20-01-09

Nach 25 tagen im Oman endlich wieder auf dem rad! Raus aus der Muscat-enge. 400 km nordwestlich in das Emirat Dubai. Zusammen mit Max. Halb fünf kommt er am treffpunkt an. Es geht ihm nicht gut. Nachwirkungen seiner gestrigen delfin-watching-boot-tour. Er war sehr seekrank, ist es noch. Die geplanten 50 km bis Seeb schaffen wir dennoch vor der dunkelheit.

Als wir vor der stadt im supermarkt einkaufen und einen schlafplatz suchen, warnen uns passanten vor dem regen heute abend. In der stadt blitzt und donnert es schon. Innerhalb weniger minuten gießt es wie aus kübeln. An der zentralen kreuzung mit vielen stoff-, schmuck- und fast-food-läden finden wir unter einem sechseckigen pavillon schutz. Schon nach wenigen minuten ist das holzdach undicht. Der regen stürmt außerdem seitlich in die hütte. Hier können wir nicht bleiben. Plötzlich schmerzt der regen in meinem gesicht. Es hagelt. „Ice, ice“ rufen die männer um uns erstaunt. Sie zeigen die erbsengroßen kristalle. Der platz und die kreuzung stehen inzwischen völlig unter wasser.

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Khalid, inhaber eines handy- und computershops gleich neben dem pavillon, und sein etwas kräftigerer bruder Khalil laden uns ein, ins geschäft zu kommen. Wir rennen rüber. Vergeblich versuchen wir die lachen zu überspringen. Ehe wir die ladentür erreichen, sind wir nass bis auf die haut. Khalid, der anscheinend hier das sagen hat, braucht nur kurz zu überlegen, als wir ihn nach einer kostenlosen schlafmöglichkeit fragen. In einem nur selten benutzten büro über dem laden können wir übernachten.

Unsere räder, die noch im pavillon nass werden, können wir in einen nicht genutzen raum neben den shop stellen. Ein junger Inder muss dazu auf Khalids geheiß einen schwergängigen alurolladen öffnen und eine verkaufstheke verschieben. Bei der aktion latschen wir drei mehrfach in tiefe pfützen. Noch nasser können wir nicht werden. Aber der arme Inder! Welche umstände wir den leuten machen! Sie lächeln alle nur, wenn wir uns entschuldigen und bedanken: No problem. You’re welcome!

Als wir zurückkommen steht auch im shop wasser. Eine steckdosenleiste liegt gefährlich in einer pfütze. Die untersten kartons der gestapelten Dell-bildschirme haben schon 5 cm hohe wasserränder. Khalid scheint das alles nicht zu interessieren. Er setzt sich kurz vor 8 in seinen landcruiser und verschwindet. Der Inder räumt provisorisch die gefährdesten waren um. Gegen 9 schließt er ab und hüpft über die straße in einen schmuckladen.

Khalil, der gesprächigere und gemütlichere bruder, geht mit uns ins büro/schlafzimmer. Er leistet uns gesellschaft, weil der ältere bruder ihm aufgetragen hat, sich um uns zu kümmern. Auch als wir ihm sagen, wie zufrieden und dankbar wir sind, bei dem regen so gut untergekommen zu sein, bleibt er dennoch. Er erzählt, dass es im Oman höchstens 2 bis 3 mal im winter gewitterregen gibt. Solch anhaltender regen sei noch seltener. Als ich nach 22.30 uhr hinter ihm die tür zur steilen, rutschigen außentreppe abschließe, regnet es draußen immer noch kräftig.

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Am morgen höre ich nicht nur den kräftigen regen auf die eisentreppe prasseln, sondern auch die autos durch pfützen rauschen. Die geländegängigen jeeps sehe ich kaum in den meterhohen fontänen, wenn sie in voller fahrt die straße kreuzen. Land unter ist die parole heute. Der Inder will um 9 den laden öffnen, damit wir an die räder können. Aber es ist inzwischen schon fast 11. Heute sperren anscheinend viele geschäftsleute überhaupt nicht auf. Vermutlich kommen bei dem wetter und den straßenzuständen ohnehin keine kunden.  Dadurch kann ich nicht an meinen proviant, mir auch keinen kaffee kochen. Also frühstücken wir arabisches fast-food: frittierte teigtaschen mit füllungen, die ich nicht identifizieren kann, falafel und mit gemüse gefülltes fladenbrot. Sehnsüchtig denke ich zurück an frau schmids rühreier, müsli und frischen quark mit obstsalat.

Am nachmttag hören wir, dass auf unserer strecke richtung Sohar in mehreren wadis so viel wasser zusammen geströmt ist, dass straßen unpassierbar sind. Khalil meint, wir könnten in den nächsten tagen nicht weiter mit dem rad. Es regnet sowieso immer wieder. Khalid bietet uns an, noch eine nacht zu bleiben. Er bringt uns sogar mit seinem jeep zum supermarkt, weil uns getränke und brot fehlen. Bis zum 18. schaffe ich es jetzt nicht mehr mit dem rad bis Dubai.

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Abends gewinnt das fußball-nationalteam Omans das halbfinale im Golf Cup. Ein weiterer ausnahmezustand bricht aus. Nicht nur in Seeb – im ganzen land – feiern junge leute den sieg mit einem auto-corso. Auf den geschmückten fahrzeugen sitzen sie oder tanzen auf den ladeflächen, manchmal sogar auf den motorhauben. Alle sind angemalt in den landesfarben, in ihre flagge gehüllt, schrill verkleidet oder tragen grellen perücken. Manche jungs feiern sogar mit freiem oberkörper – eigentlich unmöglich in einem arabischen land. Khalil meint, wenn die väter dieser jungen deren auftritt sähen, würden sie sie umbringen.  Auffallend viele mädchen und junge frauen sind in dem zug. Sie lachen und winken, singen oder rufen den zuschauern etwas zu. Nichts mehr von der üblichen zurückhaltung der frau in der öffentlichkeit. Khalils kommentar: They feel free now. Als ich nachfrage, wie er das meint, geraten wir in eine längere diskussion über frauenrechte im Oman. „They don’t have any rights!“ behauptet er allen ernstes. Aber sie seien zufrieden und fühlten sich wohl – auch in ihren Abayas. Ohne schleier würden sie sich ungeschützt und nackt fühlen. Nie würde seine frau, die studiert und ein staatliches diplom erworben habe, aus dem haus gehen ohne schleier. Aber auch nicht, ohne ihn zu fragen. Ebenso undenkbar wäre es, dass sie von ihm erwarte oder ihn bäte, nach hause zu kommen, wenn er mit seinen freunden unterwegs sei. Dieses traditionelle verhalten in der ehe würde sich im Oman zwar ein wenig lockern in den letzten jahren – vor allem unter dem einfluss der europäer und amerikaner. Aber er könne damit nicht einverstanden sein. Während wir den ausgeflippten fans und ihrem ausgelassenen treiben zuschauen, das völlig ohne alkohol von statten geht, diskutieren wir immer wieder, allerdings ohne jede annäherung der standpunkte.

Der himmel ist grau am nächsten morgen. Aber es regnet nicht mehr. Von den fußball-feierlichkeiten schwimmen nur noch ein paar durchnässte flaggen und girlanden in den immer noch nicht abgelaufenen regenpfützen. Die älteren männer, die wir morgens vor dem ‚coffeeshop‘ treffen, meinen es regne auch heute wieder ab mittag. Weil ich möglichst bald in Dubai Saskia treffen will, radeln wir zeitig los, nachdem ein verkäufer den laden aufgeschlossen hat. Von den beiden brüdern können wir uns leider nicht persönlich verabschieden. Sie sind heute morgen weder im laden noch per handy erreichbar. Der verkäufer versucht vergeblich die beiden zu finden. Er verspricht aber, unsere grüße und unseren dank auszurichten.

Mittags nach etwa 50 km wird der himmel vor uns fast schwarz. Zu unserem glück können wir uns in einer kleinen siedlung, mit einigen leer stehenden läden, einer autowerkstatt und einer raststätte unter die arkaden eines frisörladens retten. Nach wenigen schweren tropfen stürzt ein heftiges unwetter über uns herein, das die straße und den parkplatz in einen schmutzigen tümpel verwandelt. Heute werden wir nicht mehr weiter fahren. Hier gibt’s aber keinen schafplatz für uns. Zwei möglichkeiten gibt’s nach auskunft eines anscheinend recht wohlhabenden Lexus-fahrers, der zur hochzeit einer schwester uterwegs ist: 15 km weiter ein Beach Ressort mit preisen um die 50 euro fürs doppelzimmer, 5 km zurück in Barka ein hotel unter 20 euro. Also zurück. Aber die Straße, die wir vor ca. eineinhalb stunden gekommen sind, ist jetzt mehrfach im regen versunken. Wir müssen über die parallel verlaufende autobahn oder die immer wieder unterbrochenen hohen bürgersteige radeln. Am ortseingang von Barka bleibt uns gar keine wahl. Durch einen schlammigen see an einem einkaufszentrum mit tankstelle radeln wir in den ort.

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Wir sind schon froh, als wir im dunkeln bei einsetzendem regen das hotel nach einigem hin und her finden. Ausnahmezustand auch hier große tücher, die das regenwasser auffangen sollen im eingangsbereich und im hinteren flur, durch den wir reinkommen, nachdem wir die räder in einer toilette abgestellt haben.  Max fühlt sich am nächsten morgen immer noch schwindelig. Heute möchte er nicht weiter radeln, sondern ins internet wegen seines visums und an seiner website weiter schreiben, die er lange nicht mehr aktualisiert hat. Wenn ich heute nicht mindestens 100 km weiter komme, muss ich den bus nach Dubai nehmen, um nicht Saskia schon eine nacht alleine zu lassen im hotel.

Aber ich kann Max nicht ohne weiteres wieder allein lassen. Er schreibt trotz kopfschmerzen den ganze tag auf meinem pc am tagebuch. Obwohl ich ja endlich wieder rad fahren will und die bus-transfairs satt bin, recherchiere ich die busverbindungen. Sechs stunden braucht der ‚Golf Express‘ bis Dubai, kostet 12 OR und fährt um 15.30 uhr in Ruwi ab – einem stadtteil Muscats. Dort soll auch ich mit rad und gepäck einsteigen, weil er hier in Barka schon besetzt sein kann. Also wieder 100 km zurück nach Muscat.

Der bus ist nicht mal halb voll. Alle Omanis schauen anscheinend das fußball-finale. Ohne probleme auch der grenzübertritt und der für EU-bürger kostenlose visa-eintrag.  Im bus treffe ich Dan, aus Moepertingen (B-Limburg), der den güstigen bus dem teuren flieger vorgezogen hat, um nach Dubai zu kommen – auch eine ausnahme als pilot . Ein netter kerl, der in Schottland mit seiner britischen freundin zusammen wohnt, die aber zur zeit auf weltreise in Australien ist. Leider sieht er weder seine freundin oft noch viel von den angeflogenen städten. Zwei freie tage nutzt er jetzt für eine Dubai-stipvisite.

Um 21.00 uhr muss ich einen weiteren ausnahmezustand überstehen: den wochenend-abend-straßenverkehr in Dubai. Zum glück sind’s nur ca 8 km zum mitten in der stadt liegenden terminal 1, den ich trotz eines engen tunnels problemlos erreiche.

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Saskia landet leider erst um 6 uhr morgens. Mit meinem rad stelle ich im flughafen wieder eine alle regelungen sprengende ausnahme dar. Ins parkhaus soll ich, aber in den lift darf ich nicht mit dem rad. In der departure-zone in der zweiten etage ist es viel ruhiger nachts. Aber da darf ich nicht rein, weil ich kein ticket vorzeigen kann. Aus allen ruhigen und dunklen ecken, die ich in der ankunftshalle finde, werde ich von irgendwelchen uniformierten verscheucht. Nur auf den festmontierten kunststoffsesseln der hell erleuchteten und lauten waiting-zone darf ich mich niederlassen. Aber quer über mehrere sitze „is not allowed“. Mein rad darf da auch nicht sein. Gegen halb vier lege ich mich ziemlich übermüdet und genervt mit einem ‚höheren‘ arroganten typen der airport-security im scheich-kostüm an. Er zwingt mich von meiner matraze aufzustehen, auf der ich mich neben einem geschlossenen kitschladen hin gelegt habe, das rad sozusagen im nacken. Nach heftiger diskussion bietet er mir einen büroraum an, um das fahrrad abzustellen. Aber ich soll auf den sesseln schlafen. Ich lehne ab, packe zusammen und rolle raus, woraufhin er mich beobachten lässt. Um die verfolgung los zu werden, radle ich am parkhausende ins obergeschoss, husche mit rad über die taxizufahrt in die kaum beleuchtete restaurant-zone der oberen halle und lege mich am geschlossenen Häagen-Dasz eisstand auf eine entlegene rundbank. Fast zwei stunden kann ich endlich ungestört schlafen.

Saskia landet überpünklich. Als wir uns bei der begrüßung drücken, fühle ich, wie dünn sie ist. Sie ist auch geschafft. Im taxi fahren wir ins 25 kilometer entfernte hotel. Frühstück am büffet und dann endlich ruhe!