BROT LOS

Farafra, 12-12-2008

Beim zweiten speichenbruch stellt Markus mich wieder auf die geduldsprobe. Er justiert so lange, bis das hinterrad kein bisschen schlag mehr hat. Ich trage zwar keine uhr auf dieser reise. Aber nach dem hohen stand der sonne ist es bestimmt schon elf, als wir endlich weiter radeln. Bis Farafra müssen wir noch immer 90 km.

Jetzt macht er sich sorgen um sein hinterrad. Er denkt, dass noch weitere speichen brechen. Darum drückt er aufs tempo. Vor allem wenn die straße ansteigt, kann ich ihm kaum folgen, obwohl er längere zeit im wind fährt als ich.

Heute kommt der wüstenwind nämlich wieder schräg von der seite. Ständig warten wir darauf, dass die straße ostwärts abdreht, damit er weniger steil einfällt und wir wenigstens ein bisschen vor ihm her segeln können. Aber je östlicher wir fahren, um so mehr dreht auch der wind. In der heißen mittagszeit schaffen wir gerade noch 12 km pro stunde. Die zweite geduldsprobe heute.

Gegen ein uhr merke ich, dass meine kräfte schwinden. Ich muss was essen. Doch wir haben nichts essbares mehr mit, das wir rasch als picknick zwischendurch verspeisen könnten. Wir müssen fertiggerichte kochen, die wir für solche notfälle von zuhause mitgebracht haben. Die packerei, das kochen und spülen hält uns ziemlich lange auf. Aber ich fühle mich nach der Knorr Pasteria mit gorgonzola und spinat viel besser. Jetzt kann ich Max auch wieder mal ablösen in seiner führungsarbeit.

Wir radeln schon entlang der ersten kleineren palmenhaine und siedlungen. Der wind hat noch aufgefrischt. Die luft ist grau-gelb, die sonne verschwunden. Der himmel hat sich zugezogen. Immer mehr staub und sand weht uns schräg entgegen. Hirten treiben im dunst des sandstaubs ihre kuhherden nach hause. Der mond erscheint schon blass, um ihn herum ein beige-blauer schein.

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Kündigt sich so ein sandsturm an? Wir haben keine ahnung und fragen deshalb den ersten passanten, den wir auf der straße treffen. Er lächelt uns beruhigend zu, schüttelt den kopf und winkt mit erhobenem zeigefinger ab. No, no!

Als wir wieder aufsteigen, spürt Max erneut eine unwucht in seinem hinterrad. Die dritte speiche ist hin. Diesmal tauschen wir alle auf dieser felgenseite aus, deren kopf nach innen zeigen. Obwohl Max inzwischen sehr zügig und geschickt vorgeht, ist es kalt und dunkel geworden, als wir weiter fahren können. Ich ziehe ein zweites trikot, windjacke und beinstücke über. Max radelt immer noch barfuß in seinen sandalen. Die cool-max-socken flattern an seinen gummizügen. Der wind lässt nicht nach.

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Inzwischen fahren wir nebeneinander, damit Max den lichtkegel meines scheinwerfers mit nutzen kann. Auch vom nachfolgenden verkehr sind wir gut auszumachen mit unserer starken rückleuchte und den auffälligen Ortlieb-reflektoren. Doch die verbleibenden 20 km fallen uns auch nebeneinander ganz schön schwer. Keiner spricht. Wo bleiben nur die lichter der oase? Endlich ein schild: Farafra 5 km. Max stöhnt irgendwann: 5 km können ganz schön lang sein! Er spricht mir aus der seele. In der dunkelheit einer einsamen wüstenstraße nach einem langen tag mit knurrendem magen bei starkem seitenwind werden 5 km zur tortur!

Es ist freitag 18.30 uhr – feiertagsabend – als wir im ‚zentrum‘ Farafras – einer lebhaften straßenkreuzung – anhalten. Die straßen sind sandig, aber fest gefahren. Eine straßenbeleuchtung gibt’s nicht. Bürgersteige, nicht durchgängig, aber unterschiedlich hoch, breit und teilweise aufgebrochen, werden als verkaufsflächen genutzt. Hier ist allerhand los: Viele kinder spielen um uns herum, begutachten unsere räder, suchen kontakt und geschenke. Junge männer knattern mit ihren mopeds an uns vorbei. Meist belächeln sie uns. Alte sitzen vor den häusern und cafés, rauchend oder mit ihrem tee. Einzelne frauen, die noch einkaufen, und wenige junge mädchen schlendern in gruppen an den kleinen läden vorbei. lebensmittel, haushaltswaren, bekleidung, mobiltelefone kann man gleich mehrfach erstehen. Die dorftypischen handwerker arbeiten im halbdunkel vor ihren werkstätten. Waschmaschinen, elektromotoren, mopeds und autoreifen werden repariert. Der metzger zerlegt einen hammel. Der schmied lötet eine wasserpfeife. Bauern verkaufen von ihren eselskarren gemüse und obst.

Unser suchender blick gilt aber einer bäckerei. Wir lehnen die räder an einen strommast und decken uns erstmal im ’super market‘ ein. Sogar mineralwasser hat der junge mann. Schräg gegenüber ist tatsächlich ein bäckerei. Die erste seit sechs tagen. Fladenbrote, brötchen, olivenbrote, sesamstangen, dattelringe, süße schnitten. Von allem kaufen wir etwas. Von den broten und den haltbaren stangen gleich ein kilo. Heute abend kochen wir nicht mehr. In  unserem schäbigen hotelzimmer – wie kann man in einem reiseführer solche hotels nur als „sauber“ bezeichnen? –   verschlingen wir die verschiedenen brote und teilchen. Dazu trinken wir wasser bis zum überlaufen.