Canterbury South

 

Drei Tage brauch ich noch bis Christchurch, der Endstation meines Neuseeland-Trips. Drei Tage immer nur gerade aus. Drei Tage in Küstennahe, ohne das Meer wirklich sehen zu können. Eine frische Ozean-Brise bringt ab und zu etwas kühlere Seeluft.

Drei Tage durch flaches Weideland und abgeerntete Getreidefelder. Im Hintergrund die Berge. Die trockenen Stoppelfelder und die gelblich welken Rübenäcker zeugen davon, wie heiß der Sommer war, der jetzt zu Ende geht.

Diese Stimmung macht sich auch in mir breit. Meine Reise geht zu Ende. Lange war ich unterwegs, und doch gingen die Wochen rasch vorbei. Verlängern ist keine Option. Obwohl ich einiges nicht gesehen habe, was mir vorab unverzichtbar schien. So viele Eindrücke, so starke Bilder, so tolle Momente – es reicht. Die wirken nach in mir. Auf den monotonen Geraden durch das südliche Canterbury kommen viele eindrucksvollen Bilder hoch: Riesige Bäume, unendliche Wälder, sanfte Hügel, schroffe Felsen, steile Klippen, mächtige Flüsse, blaue Seen, weiße Berge, grüne Täler, dampfende Geysire, schwefelig brodelnde Teiche, tiefe Schluchten, sonnige Strände, wilde Brandung. Die Landschaftsbilder Neuseelands sind unvergesslich schön.

So schön, dass ich in diesen drei Tagen kaum noch fotografiere. Immer noch plätschern kleine Bäche neben mir, immer wieder strömen breite Flüsse unter langen Brücken unter mir,  hier ein rotbraun getünchtes Kirchlein auf grüner Wiese dort ein hübsch lackiertes Holzhaus. Farbklekse unter blau-weißem Himmel..Aber ich halte nicht mehr an. Genug Fotos. Übervoll mein Speicher in Hirn und Herz. Nur noch Ungewöhnliches kann meine Sättigung überwinden.

Der Film reißt nicht ab. Die größeren Städte ganz verschiedener Prägung, die nüchternen, selten gemütlich wirkenden kleineren Orte, die beobachteten Tiere, die freundlichen und stets hilfsbereiten ‚Kiwis‘, die coolen, meist jungen Rucksack-Reisenden und nicht zuletzt all die Gespräche mit Reise-Radlern aus der ganzen Welt – meine Reise ist voll gepackt mit glücklichen Momenten. In dieser Stimmung muss ich Acht geben, dass ich in Christchurch überhaupt noch kontakt- und aufnahmebereit bleibe.

Eine eindrucksvolle Radreise. Aber mit dieser Ausrüstung und diesem Rad würde ich Neuseeland nicht noch einmal durchqueren. Die gewichtige Camping-Ausrüstung ist unverzichtbar, wenn man unbedingt die naturnahen Campingplätze nutzen will. Wer im voraus Zimmer bucht, braucht kein Zelt. Dank Internet ist das selbst in der Hauptreisezeit in Neuseeland einfach geworden – abgesehen von Queenstown 😉.

Wegen der Leichtigkeit – auch im Kopf – würde ich aufs Zelt verzichten, wohl wissend, dass ich damit auch manch ungestört freien, herrlich einsamen oder abenteuerlichen Schlafplatz aufgebe. In den vier Tagen durch Otago habe ich freudig gespürt, wie viel unbeschwerter ich unterwegs war, als ich wusste, dass ich abends ein festes Dach über dem Kopf und eine frisches Bett unter mir haben würde. Dieses gesteigerte Komfortbedürfnis hängt sicherlich auch mit meinem Alter zusammen. In Zukunft werde ich komfortabler per Rad reisen.

Für Neudeeland würde ich das vorwiegend für Asfaltstraßen vorgesehene Rad mit gröber profilierten Reifen ausstatten, damit ich mich auf den Schotter-Trails sicherer fühle. Im Nachhinein würde ich längere eher langweilige Strecken – wie ich sie jetzt gerade abarbeite – mit öffentlichen Verkehrsmitteln überbrücken, damit für reizvolle Gebiete mehr Zeit bleibt.

Überhaupt komme ich mir mit meinen fünf Taschen, Kochtöpfen, Rad- und Laufschuhen, Proviantvorräten, dem Tablet, den Landkarten und dem ganzen anderen Zeug vor wie ein schwerfälliger, überladener Dinosaurier. Die leicht bepackten und unbeschwerten Traveller, die oft ohne Raderfahrung aber sicher im Umgang mit ihren Smartphones und gut vernetzt mit anderen Bachpackern mutig und spontan von Tag zu Tag entscheiden, wie es weiter geht, beneide ich um ihr Reisen „mit leichtem Gepäck“.

Oliver ist das beste Beispiel: In London bei einer TV-Produktionsfirma den Job beendet, hat er Zeit und Lust zu reisen, auch das Geld  für ein Ticket nach Auckland. Mit Zelt und Rucksack will er ursprünglich ‚hiken‘. Dann die Idee, mal eine Radreise zu machen. Prompt gebrauchtes Rad und Ortliebtaschen gekauft und los. 1000 Meilen im ersten Monat abgespult in Shorts und Turnschuhen. Dann noch die 800 km Schleife mit mir. In Christchurch wird er sein Rad wieder verkaufen. Die Ortliebtaschen nimmt er zu dem Rucksack mit nach Hause. So einfach ist das mit 26 Jahren.

Mit mehreren europäischen Reiseradlern – Oliver sieht auch das anders –  bin ich einer Meinung: Neuseeland ist kein Radreiseland. Radfahren ist im Aufwind in Neuseeland als Service begleitetes ‚touring‘ mit leichtem Gepäck auf Mtb-Trails. Eine Radreise im klassischen Sinn lässt mich dieses herrliche Land – wie jedes andere auch – direkter, intensiver und erlebnisreicher erfahren. Aber Verkehr, Infrastruktur, Landschaftsprofil und Wetter haben meine Radreise hin und wieder zu beschwerlich werden lassen.

Unter der abendlichen Dusche überwiegt zwar die Freude über die Tour durch ein Land voller Naturschönheiten, in dem ich mich immer sicher und versorgt fühle, auch wenn ich abends mal kein Bier trinken kann. Aber Radfahren ist für Kiwis Sport, Herausforderung, „challenge“. Deshalb höre ich auch von vielen Bewunderung für uns Biker. Der Genussfaktor, das Entspannende am Radfahren, das kommt zu kurz in Neuseeland, ist nur möglich auf den autofreien cycle trails. Dort gibt’s auch hübsche Cafés für gerne eingelegte Zwischenstopps. Ansonsten sind Rastplätze weitläufige baumbestandene Auto-Parkplätze mit Grillstelle und Bänken. Da fühl ich mich als Radler verloren zwischen den Campern. In der Bäckerei an der Kreuzung gibt’s leckere scones und pies, aber nur selten den ruhigen Sitzplatz, an dem ich meinen Long Black trinken kann. Die dörfliche Taverne hat mindestens vier Sorten Bier vom Fass. Aber kein gemütliches Plätzchen draußen, an dem ich das ‚paint‘ genießen kann. Der stille Marktplatz im Städtchen, die Bank unter der Linde neben Kirche oder Gasthaus, die wenig befahrene Dorfstraße, die schattige Allee mit wenig motorisiertem Verkehr – sie finde ich kaum einmal. Beschauliches Radfahren, genussvolles Radwandern – das konnte ich zu selten erleben. Alles kann man eben nicht haben – auch nicht auf einer tollen Radreise durch Neuseeland.