Couch-Cycling

Minden, 05. 07. 2014

Noch ohne Russland-Visum will ich am 2. Juli los fahren. Erstmal nach Köln, um Abschied zu nehmen von meinen Mädchen. Das Visum soll vormittags am 3. Juli dorthin zugestellt werden. Trotz oder gerade wegen der zusätzlichen Vorbereitungstage werde ich immer aufgeregter. Sogar das mir sonst heilige Frühstück mit Zeitungslesen und WDR-Nachrichten breche ich ab. Appetitlosigkeit, Magendrücken, zittrige Hände, nervöses Suchen längst verpackter Klamotten, ständiges hin und her überlegen, ob ein zweites Paar Schuhe, die dicke oder dünne Fleecejacke, eine oder zwei Gaskartuschen. Das bepackte Rad wird derweil immer schwerer.

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Die ersten Kilometer mit 30 kg Gepäck fühle ich mich unsicher. Der kurze Anstieg in Baal bringt mich schon außer Atem. Jetzt fang ich schon am ersten Tag an, zu klagen. Dabei müsste ich so froh und dankbar sein, dass ich wieder solch eine ungewöhnliche Reise vor mir habe. Diesmal ohne jeden Zeitdruck, mit verschiedenen Optionen für den Rückweg, offen für jeden lohnenswerten Umweg, jede erleichternde Abkürzung. Wo ich hinfahre und wohin nicht, ob ich länger bleibe oder eher zurück komme, alles liegt bei mir.

In den kleinen Dörfern des Jülicher Landes lässt die Anspannung nach. Gelassen  müsste ich diese schon oft geradelte Strecke abspulen können. Doch da ist was in meinem Vorderreifen, dem treuen Marathon, der auf diesem Rad schon bis  Marrakech und den ganzen Winter hindurch ohne Pannen gelaufen. Er läuft nicht rund, hoppelt bei jeder Umdrehung. Höhenschlag  in der Felge?  Luftbeule? Panne am ersten Tag? Das fängt ja toll an.    

Als ich kurz vor sechs in Nippes ankomme, fahre ich erst in einen Fahrradladen. An einer Stelle hat sich der Draht im festen Rand der Karkasse gelöst. Eine Luft-Blase lässt mich bei jeder Umdrehung hopsen. Neuer Reifen reicht aber nicht, sagt der Mechaniker, der anscheinend noch mehr Geld verdienen will. In der  – übrigens neuen  – Felgen entdeckt er auch noch einen Höhenschlag. Ursache oder Wirkung? Mir egal. Aber er kann mir erst morgen früh die Felge richten, weil er jetzt Feierabend macht.

Scheiß Start!  Aber auch wieder nicht ganz so schlimm. Ich muss ja morgen Vormittag ohnehin auf das Visum warten. Dennoch bin ich schrecklich verärgert über meine eigene Sorglosigkeit. Mit ´nem  ollen Reifen auf solch eine Tour!. Saskia und Sara spüren, wie erregt ich bin.

Draußen vor der Pizzeria  gelingt es den beiden, mit Hilfe einiger Kölsch mich mehr und mehr zu beruhigen und  ein wenig abzulenken. Sie machen mir noch mal klar, wie einfach ich die Reise ändern, kürzen oder abbrechen kann. Dass sie mir noch einige praktische Funktionen des neuen Handys zeigen, hilft mir auch.  Aber ob ich so’n Ding jemals ohne Pannen bedienen kann?  Zum Schluss können wir herzhaft lachen über Fotos und Sprüche, die die beiden auf ihren Smartphones gespeichert haben.

Auf Saskias Gästematratze schlafe ich nach den Kölsch prima. Selbst Minki – Saskias Stubentiger – ist besonders ruhig und lässt mich ausschlafen. Saskia muss früh zur Arbeit. Ich frühstücke bei ihr schon ruhiger als gestern und freue mich, dass sie alles eingekauft hat, was mir morgens schmeckt. Kurz nach Neun bringt ein Bote schon das Visum. Aber im ‚Radlager‘ haben die Mechaniker vor Ferienbeginn so viel zu tun. Das Rad ist es um 14.00 Uhr fertig. 

Wohin schaffe ich es denn jetzt noch?  Bis zu Ralf nach Ochtrup sind‘s 150 km. Das kann ich vergessen. Bis zur JH-Duisburg wären es 65 km, berechnet Google-Maps. Aber ist da auch ein Bett  frei? Johannes in Düsseldorf fällt mir ein. Er könnte mir auch noch den E-Mail-Empfang per gmx-App auf dem Smartphone einrichten. Bis sechs ist er in der Uni, aber abends allein zu Hause. Er freut sich, wenn ich vorbeikomme.

Bei Ralf in Ochtrup kann ich auch morgen pennen. Er kommt auch freitags erst nach 18.00 Uhr nach Hause. So kann ich mir Zeit lassen und in irgendeiner Pinte Fußball gucken. Ihn interessiert das Spiel nicht.

Nach nur 35 km klingele ich bei Johannes. Lilli ist noch da und völlig überrascht von meinem Auftauchen. Die Altbau-Wohnung im 5. Stock ist nicht rad-freundlich,  aber sehr hell, großzügig geschnitten und hübsch eingerichtet. Das Bad ist ganz neu und besonders schön. Vor dem Duschen merke ich, dass ich meinen Toiletten-Beutel in Saskias Bad hab hängen lassen. Außer den Prostata-Tabletten  enthält er nichts, was ich nicht nachkaufen kann. Aber als ich mit Saskia telefoniere, erklären sie und ihr Freund Mario sich sofort bereit,  mir den Beutel nachzubringen. Sie wollten ohnehin heute in Marios Wohnung in Düsseldorf schlafen. Das finde ich so lieb. 

Als Johannes kommt, gehen wir wieder zum Italiener. Halb Neun muss Lilli zum Bahnhof. Johannes und ich trinken noch ein Bier auf seiner ‚offenen‘ Dachterrasse mit schönem Blick auf den Lessingplatz.  Wir haben seit Monaten nicht mehr miteinander gesprochen und deshalb viel zu erzählen. Er ermutigt mich, meine Pläne durchzuziehen.

Gegen halb zehn klingelt Saskia. Ich drücke sie ganz fest, während sie mich ein wenig veräppelt wegen meiner Schusseligkeit. Dann renne ich noch die 5 Stockwerke runter zu Mario, der im Auto wartet, weil er keinen Parkplatz findet. Ganz herzlich dank ich ihm und sag ihm, wie lieb ich das finde. Er tut so, als ob’s eine Kleinigkeit wäre und wünscht mir eine gute Reise. Nach dem aufregenden Tag, an dem sich mal wieder alles zum Guten gewendet hat, schlafe ich ganz ruhig.

Morgens hole ich rasch Brötchen und Johannes bereitet uns ein üppiges Frühstück mit bacon & eggs. Um 9 starte ich Richtung Münsterland. Warm schon morgens, später sommerlich heiß, fast windstill und potteben die Strecke – ein Traumtag zum Radfahren.

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Auf der Route der Industrie-Kultur

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Im Ruhr-Gebiet

150 km schaffe ich bequem bis halb sechs. Ich kaufe noch ein für morgen und esse dann zu Abend im Alt-Ochtrup, wo eine recht große Leinwand ‘ne Menge Fußball-Fans angelockt hat.

Nach dem Spiel sitzen Dette, Ralf und ich lange in dessen Küche bei Bier, Rohkost-Dips und Kräckern. Die beiden sind  engagierte aber nicht missionierende Vegetarier. Außerdem Skifahrer, Rad- und Trekking-Liebhaber. Sie kümmern sich sehr bewusst um gesunde Ernährung, achten möglichst konsequent auf Nachhaltigkeit in ihren Lebensbereichen. Dette wechselt z.B. auf der Arbeit oft zwischden ihren verschiedenen Einsatzorten mit dem Rad.  Und fährt damit manchmal auch abends zurück nach Hause. Morgens nimmt Ralf sie und ihr Rad mit dem Auto mit, weil sie die gleiche Strecke haben. Ihr Trekkingrad ist deshalb klappbar.

 Auffällig ist wie locker beide immer drauf sind. Einfach, unkompliziert, entspannt, unterhaltsam und sehr gastfreundlich. Ihre Stimmung tut mir gut. Da sie Tür an Tür in zwei Wohnungen wohnen, ziehen sie für ihre Gäste nachts zusammen und so hab ich Ralfs Wohnung für mich alleine. Nach den Weißbieren mit Zitrone ratz ich aber gleich und durch bis um 7.00. Ein wenig eilig esse ich das vorbereitete Müsli mit frischem Obst und radle schon um 7.30 Uhr los Richtung Steinhuder-Meer. Die Strecke kenne ich vom letztjährigen „Burning-Roads-Marathon“. Immerhin 200 km über meist kleine und ruhige Straßen bis Steinhude.