GRAU BUNT

Dunaföldvar, 30.04.09

Ob Christina und Istvan Henning Scherfs buch ‚Grau ist bunt‘ kennen, weiß ich nicht. Aber die beiden praktizieren viele der in diesem buch beschriebenen ideen über das leben im alter. Die beiden sind mitte 70 und vielseitig kreativ, ja innovativ aktiv. Freudvoll betätigen sie sich, außerhalb oder zumindest am rande ihrer studien/berufe aber ihre vorlieben und neigungen folgend. Gleichzeitig sind sie damit auch unternehmerisch erfolgreich.

Er gebürtiger Ungar, 1958 nach Deutschland geflohen, in München maschinenbau studiert hat in der eigenen firma sehr erfolgreich software entwickelt zur qualitätssicherung im maschinen- und automobilbau. Sie Ostberlinerin, ende der 50er nach München geflohen, sozialpädagogin, liebt sprachen, literatur vor allem das erzählen, kennt sich aber auch aus mit den heilkräften und wirkungen vieler kräuter. Amüsant und pointiert schildert sie in einer witzigen melange aus berliner frechheit und bayrischer gemütlichkeit erlebnisse ihrer kindheit, den nachkriegsjahren, ihrer eingewöhnung in Bayern, der zeit mit ihren beiden kindern und ihren besonderen kenntnissen und fähigkeiten als ‚kräuterhexe‘.

Istvan ist ein sachlich ruhiger mathematisch technisch versierter ingenieur, der das florierende münchener unternehmen verkauft hat, weil die kinder es nicht weiter führen wollten. Nach dem ‚deal‘ kehrt er mit seiner frau auf den elterlichen bauernhof in das ungarische nest zurück. Doch sie pendeln noch oft hin und her zwischen München und dem kleinen dorf. Nach der politischen wende in Ungarn gründet er in Budapest noch einmal ein gleich erfolgreiches unternehmen, dessen geschäftsleitung er in diesem jahr an seinen nachfolger übergibt.

Unter Chrstinas obhut und pflege gedeihen in garten, gewächshaus und vielen kübeln kräuter, pflanzen und früchte, deren heilende, stärkende und gesunde wirkung sie kennt und erprobt. Ob frisch verzehrt wie die ‚Elefantenohren‘-blätter zur regulierung des blutdrucks oder als tee wie ihr liebster ‚Verveine‘, der gegen depressionen wirkt, oder verarbeitet als gesunde säfte und konfitüren, Christina hält für sich, ihre familie und die ungarischen nachbarn und angestellten immer das richtige kraut bereit.

Zum bauernhauf gehören noch zehn hektar sandiges land. Das kann man nicht einfach brach liegen lassen. Wenn man diesen boden wässert und düngt, wächst hier alles, wissen die zwei. Eine kiwi plantage mit 7000 pflanzen haben sie angelegt, die computer gesteuert mit wasser aus dem eigenen brunnen und per hand mit kompost versorgt wird,  natürlich in staatlich überprüftem bio-anbau.

Nicht genug der initiativen. Das schilf, das in den feuchtgebieten um ihr dorf wächst und jahrhunderte lang zur dacheindeckung und als beigabe in den lehm gemischt wurde, verwerten sie als bio-baustoff. In ihrer fertigungsstätte für dämmplatten sind drei leute beschäftigt. Die platten verkaufen sie lkw-weise nach Deutschland an einen öko-baustoff-händler in Viersen. Die dafür notwendigen maschinen hat Istvan natürlich selbst entwickelt und bei einem bekannten für immerhin vier millionen forint bauen lassen. Nur den zweck entfremdeten panzer, mit dem das schilf gemäht wird, haben die drei jungen männer selbst besorgt und umgebaut.

An ihrem haus bauen Christina und Istvan zur zeit einen sechseckigen wintergarten an, dessen dachkostruktion auch Istvans entwurf ist. Über dem ehemaligen weinkeller des väterlichen winzerbetriebes werden sie zwei wohnungen einrichten für ihre kinder, enkel und ‚liebe gäste‘  wie Christina mit einem augenzwickern betont. Dass sie in ihrem münchener wohnviertel eine elterniniatitive gegründet hat, in denen kindern vorgelesen und erzählt wird, hat dazu geführt, dass sie inzwischen eigene geschichten aufschreibt. „Irgendwann lass ich sie drucken. Und wenn auch nur die eigenen enkel sie lesen“, meint sie ganz selbst bewusst.  Dabei wird sie sicherlich auch vom alten maulbeerbaum in ihrem garten erzählen, den sie brummen hört. Schon zweimal hat ein unwetter ihm schwer zugesetzt und dicke äste abgerissen. Aber er erholt sich immer wieder. Christina selbst war auch schon mehrmals schwer krank. Dank guter ärzte, der homeopathie, ihres frohsinns und der gemeinschaft mit ihrem mann können sie ihren erfüllten traum weiter leben.

Kennen gelernt hab ich die beiden im thermalbad von Kiskunhallas – einer ungarischen kleinstadt 30 km nördlich der grenze zu Serbien. Zu diesem städtischen bad mit wunderbar weichem dunklem, fast braunen jodhaltigem wasser gehört neben sauna und physiotherapie-einrichtungen auch ein campingplatz. Mit der zeltgebühr erwerbe ich auch eine eintrittskarte fürs bad. Das warme wasser ist so wohltuend für meinen lädierten rücken, dass ich am nächsten morgen gleich noch eine stunde dort bade.

Christina und Istvan nutzen regelmäßig die wohltuende wirkung der thermalbecken. In der umkleide spricht Istvan mich an, weil ich ihm im weg stehe. Daraus wird eine einladung zum bier und  dann gar zum abendessen im ‚Maltéza‘, dem stammlokal der beiden. Sie mögen es, weil es halt eine münchener note hat. Bei würzigen rouladen und gefüllten palatschinken erzählen die beiden mir lange von ihrem spannenden leben. Ihr dorf liegt auf meiner route stellen wir fest. Somit bin ich eingeladen, zu einem zweiten frühstück bei ihnen am nächsten morgen. Istvan führt mich durch das in robinienholz ausgebaute haus, dessen elterlichen teil er nur technisch renoviert ansonsten aber belassen hat. Christina tischt yoghurt, kiwi, dunkles brot, ungarischen schinken und natürlich ihren lieblingstee auf, von dem sie mir eine ganze tüte mit gibt. Bis halb zwei bleibe ich bei den beiden in ihrer ländlichen idylle voller leben. Schwer beeindruckt mich ihre bescheidenheit. Keinerlei allüren trotz allen erfolgs. Untypisch im alter ihre zufriedenheit trotz beschwerden und wehwehchen. Kein klagen, kein jammern. Erfrischend der zupackende mut und die  wechselnde vielfalt ihrer aktivitäten in der abgeschiedenheit und ruhe ihres alterssitzes. Dankbar genieße ich ihre interessierte offenheit und ehrliche gastfreundschaft. Christinas und Istvans warmes grau schillert farbig bunt.