Grenz-Bus

Kaliningrad, 16. 07 2014

Zu diesem Eintrag gibts keine Fotos.Stellenweise war Fotografieren an der Grenze untersagt. Ich war auch zu angespannt, um daran zu denken.  

Wie außerhalb der EU an vielen Grenzen so wurde ich auch in Polen wieder vor der Einreise in das Nachbarland  Russland gewarnt. Wieder waren es die gängigen Gefahren, die ich doch bedenken sollte: Schikanen an der Grenze, korrupte Polizisten, Diebstähle und schlechte Straßen. Während ich solche Warnungen, die meist von Leuten geäußert werden, die selbst noch keine negativen Erfahrungen in dem Land gemacht haben, bisher nicht beachtet habe, habe ich mich vor dem Grenzübertritt in die russische Enklave Kaliningrad beeinflussen lassen. Nicht von den drei oder vier Polen, die mir von der miesen Abzocke russischer Zoll- und  Polizeibeamten erzählten, sondern vor allem von dem Bericht eines deutschen Reisejournalisten, der schon seit Jahren vielfach nach Russland reist. Er schildert positive Veränderungen in der Enklave: geregeltere Abläufe bei Behörden, nur noch seltenere Willkür im Umgang mit Bürgern, offeneres Auftreten der jungen Zollbeamt(inn)en, mit denen neuerdings Diskussionen möglich seien, während früher nur stur gehorcht werden musste. Dennoch empfiehlt er dem Individualtouristen  – vor allem dem ohne Sprachkenntnisse – sich einer Gruppe anzuschließen. Ausdrücklich beschreibt er die unterschiedliche Gepäckkontrolle im  Privatauto  oder im Reisebus. Im Auto sei er peinlich genau kontrolliert und mit vielen Fragen gelöchert worden, hätte stundenlang warten müssen. Im Reisebus  sei die Kontrolle eher lasch, fast im Vorbeigehen erledigt worden. Seine Erfahrungen stammen aus dem Jahr 2012.

Kurz und gut – ich traue mir die russische Zollabfertigung an der Grenze nach Kaliningrad als Radfahrer nicht alleine zu . Um jemanden bei mir zu haben, der sich mit der Grenzabfertigung auskennt, der russisch spricht, um nicht stundenlang warten zu müssen und dann gar nicht oder erst spät am Abend in Kaliningrad anzukommen, einfach um mich sicherer zu fühlen, will ich von Danzig einen Linienbus nehmen inklusive Fahrrad und Gepäck. Der Bus verkehrt zweimal am Tag – abends um 17.00 oder morgens um 6.00 Uhr. Ich nehme den frühen. Das hat für mich den Vorteil, dass ich morgens um 10.30 Uhr wahrscheinlich schon in Kaliningrad ankomme, einiges anschauen, aber auch in Ruhe meine Pension finden kann. Im Internet habe ich nämlich – ganz gegen meine Reisegewohnheit –  eine Pension vorgebucht – die Villa Severin.

Das Busticket kann ich nur am Morgen beim Fahrer kaufen. Der Preis liegt bei ca. 50 Sloty (12,50E). Aber auch den muss ich mit dem Fahrer aushandeln. All das habe ich erfahren, als ich tags zuvor den Fahrer des 17.00 Uhr-Busses vor der Abfahrt befragt habe. Übrigens ist der Bus proppenvoll und ein älteres russisches Exemplar, das aber verkehrssicher scheint. Wie auch der Journalist schon beschreibt, wird das russische Unternehmen in Danzig ziemlich stiefmütterlich behandelt. Kein Ticketverkauf am Schalter, keine Fahrpläne, keine Auskünfte zu Fahrpreisen, einzig den Bussteig Nr. 11 nennt man mir. Und das ist auf dem ausgedehnten Busbahnhof Danzigs sprichwörtlich der letzte. Er liegt als einziger  hinter dem Verwaltungsgebäude, hat keine Überdachung und keine Sitzbänke für die Wartenden. Daran kann man wohl auch ablesen, wie es um die polnisch-russisch Beziehungen in diesem Gebiet steht.

Egal, ich bin Mittwochmorgen pünktlich da. Drei weitere Fahrgäste warten schon. Als der Bus um die Ecke biegt, trifft mich der Schreck in der Morgenstunde. Es ist ein kleiner 20Sitzer mit vier mickrigen Gepäckklappen. Wie soll da mein Fahrrad reinpassen?  Dementsprechend auch das verneinende Kopfschütteln des Fahrers, als er mich und mein beladenes Rad sieht, noch bevor ich was gesagt habe. Prompt wendet er sich den anderen Fahrgästen zu. Demonstrativ lege ich die Ortliebtaschen mit geübten Handgriffen neben das Rad, löse die V-Brake am Vorderrad und nehme es raus. Als er alle inzwischen acht Fahrgäste abkassiert hat, kommt er wieder zu mir. Er zeigt, dass ich den Lenker drehen und die Sattelstütze einschieben soll. So legt er mit mir zusammen das Rad über die eigentlichen Kofferräume hinein in die Fahrzeugmitte. Es passt. Meine Taschen kommen vor das Rad in den Kofferraum. Eine junge rothaarige polnische Backpackerin, die anscheinend perfekt russisch spricht, übersetzt für mich bei der Preisverhandlung. Genau 50 Sloty zahle ich schließlich – 12,50 €. Wenn ich dafür mittags in Kaliningrad bin…

Insgesamt fahren wir schließlich zu acht los. Nur die Rothaarige und ich haben größeres Gepäck. Alle anderen scheinen russische Staatsbürger zu sein. Ein besonders dicker Mann, der sehr nach Alkohol riecht, fährt in T-shirt und Latschen mit. Jeder sitzt alleine in einer Bank, niemand unterhält sich. Zwei polnische Orte – Elbling und Braunberg  – die polnischen Namen der Orte weiß ich nicht mehr –  fährt der Bus noch an. Aber niemand steigt zu. Kurz vor der Grenze gibt’s eine Mikrofondurchsage des Fahrers. Ich verstehe natürlich nichts und schaue hilfesuchend die Rothaarige an. Aber die pennt. Oder sie tut zumindest so.

Dann kommt die Grenze. Erster Halt, ein Zollbeamter steigt ein. Wir müssen alle unsere Pässe zeigen. Die russischen Pässe sammelt er ein. Die beiden aus der EU können ihre Pässe behalten. Er steigt wieder aus. Wir rollen 400 m weiter. Hier ist der Grenzübergang überdacht.

Der Busfahrer schaltet den Motor ab und öffnet die Gepäckraumklappen. Wir müssen alle austeigen und in das Zollgebäude gehen. Vor einer weißen Linie warten wir stehend. Mindestens sechs männliche und weibliche Zöllner, alle unter 35 Jahren, gehen durch den Warteraum, verschwinden entweder nach draußen oder in irgendwelchen Zimmern. Niemand spricht, außer in ein Funkgerät bzw. in ein Telefon. Nach fünf Minuten setzt sich ein ganz junger Beamter in das seitlich hinter der weißen Linie geöffnete etwas erhöhte Schalterräumchen. Der schmale Durchgang vor seinem Schalter wird jetzt von einem recht starker Scheinwerfer erleuchtet. Unaufgefordert geht der erste Russe los über die Linie, bleibt vor dem Schalterfenster stehen und wendet sich dem jungen Zöllner zu. Es dauert keine 3 Minuten und er kann durch gehen. Der nächste Russe geht vor. Alle werden zügig abgefertigt. Ich gehe erst als vierter noch vor der Rothaarigen, weil ich mir im Notfall von ihr Hilfe erhoffe. Als ich in dem Korridor stehe, merke ich erst, dass schräg hinter mir in 2,50 m Höhe ein großer Spiegel hängt, auf dem der Beamte meine Rückseite sehen kann. Durch den schmalen Schlitz unter seinem Schalterfester schiebe ich meinen Pass hindurch. Er schaut mich einige Sekunden an, fragt dann: „Kaliningrad?“. Ich bejahe nickend. Er gibt meine Daten in den PC ein, schreibt dann auf die freie Passseite neben dem Visum eine römische Eins und einige Zentimeter tiefer eine römische Zwei. Unter die Eins setzt er dann seinen Stempel mit Datum. Dann legt er noch einen kleinen Abschnitt in den Pass, dessen andere Hälfte er abheftet. Dann schiebt er den Pass unter die Scheibe hindurch. Kein Wort, kein ‚Gute Reise‘ oder ‚Willkommen in Russland‘. Ich gehe trotzdem durch, vorbei  an der nicht in Betrieb befindlichen Sicherheitsschleuse, wie man sie von den Flughäfen kennt. Ich steige in den Bus, der Fahrer schaut kurz hoch und fragt: „Okay?“. Ich zeige ihm den Pass. Er lächelt und hebt den Daumen. Ich glaube er ahnt, welchen Schiss ich hatte.

Als der siebte Fahrgast eingestiegen ist, fährt der Fahrer los. Ich merke gleich, dass der Dicke im T-shirt fehlt. 500 m weiter das nächste Zollgebäude. Der Fahrer hält vor einer Ampel. Eine junge Frau in grauer Uniform mit Rock und hohen Schuhen kommt an sein Fenster. An ihrer Mimik kann ich sehen, dass sie das, was sie berichtet oder ausrichtet, sich selbst auch nicht erklären kann. Auch der Fahrer schüttelt den Kopf und zieht auch die Schultern hoch. Aber er wendet. Wieder an der zweiten Station sehe ich den Dicken in Begleitung von zwei Zöllnern aus einem auf der anderen Straßenseite liegenden Gebäude kommen.  Sie gehen nochmal in das Zollhaus, in dem wir abgefertigt wurden. Wenige Minuten später kommt einer mit dem Dicken raus, redet kurz mit dem Fahrer. Der Dicke steigt ein, ohne irgendeine Erklärung. Mir und wahrscheinlich allen interessiert die auch nicht wirklich. Wir wollen nur weiter. Wir wenden wieder und fahren endlich durch Richtung Kaliningrad. 8.55 Uhr zeigte die Uhr im Bus, als wir an der Grenze ankamen.  9.35 zeigt sie jetzt. Ich kann es nicht einschätzen, aber am Gesichtsausdruck des Fahrers, der jetzt das russische Radio einschaltet, sehe ich: Heute ist es gut gelaufen. Um 10.45 steige ich am Busbahnhof Kaliningrad aus, baue mein Rad wieder auf und hänge das Gepäck an. Als ich gerade fertig bin, kommt ein sportlich aussehender Mittdreißiger auf mich zu, lächelt und sagt grinsend  etwa Russisches, von dem ich aber das letze Wort verstehe:   „… masochist!“  Ich denke, wenn du wüsstest, wie bequem ich es mir heute gemacht habe.