GRENZ WERTIG

Tarsus, 16.03.09

Noch im bett höre ich das plätschern in den dachrinnen und das rauschen der autoreifen auf den nassen straßen. Es regnet tüchtig in Marand. Nach dem frühstück – ich koche mir auf meinem zimmer haferflocken und kaffee – sieht’s nicht viel besser aus. Aber ich muss weiter. Morgen läuft mein visum ab.

Fast 200 km sind’s noch bis zu grenze. Regenkleidung an und los. Von osten her klart es auf. Das problem sind hier die schlechten straßen, die den regen der nacht nicht verdauen. Überall pfützen. Alles voller lehmigem matsch. Mein rad und ich sehen nach wenigen kilometern aus, als ob wir durch frisch geackertes feld gefahren wären.

Wieder auf der seidenstraße ist der belag besser. Aber eine heftige schauer – zum glück mit rückenwind – will ich doch lieber abwarten. Ein reifenhändler bittet mich in seinen laden.  Neben seinem vater am bullernden gasofen kann ich mich aufwärmen und trocknen bei mehreren tassen tee. Trockenkuchen, den ich heut morgen für unterwegs gekauft habe, spendiere ich. Eine gute stunde warte ich.

Der regen hört auf. Der himmel ist merklich heller geworden. Der rückenwind bläst mich voran. Seit Tabriz warte ich auf anstiege. Aber auch hier ist die strecke nur leicht wellig, angenehm zu fahren. Immer noch das gleiche landschaftsbild: links von mir schneebedeckte hohe berge, rechts von mir weniger hohe dunkle felsrücken. Nach 40 km kommt der erste längere anstieg, Das tal verengt sich für wenige km. Anschließend öffnet sich auf der östlichen seite eine ausgedehnte rötlich braune hochmoorfläche. Sumpfiges land, bäche und tümpel. Bei dem düsteren wetter leider schlecht zu fotografieren.

Nach etwas mehr als 100 km erreiche ich Qaziha, meinen zielort für heute. Eine tankstelle, ein laden und ein paar flache einstöckige steinhäuser.

Ein tankwart zeigt mir, dass es auf einer anhöhe weiter eine restaurant gibt, in dem man auch übernachten kann. Der brummige wirt wärmt mir eine tomatensuppe mit bohnen und brät mir hackfleisch-spieße. Dazu gibt’s reis und salat. Er fragt gar nicht, ob ich hier übernachten will  – wo soll ich auch sonst hin – sondern zeigt mir einen der erhöhten essplätze in der hinteren ecke des restaurants. Da breite ich mich aus, nachdem die letzten lkw-fahrer ihre betten in den lastern  bezogen haben.

Der letzte tag im Iran lässt sich gut an. Zum frühstück rührei, ne menge lappiges brot und eine für iranische verhältnisse gesalzene rechnung. Umgerechnet sind es keine 15 €. Froh sollte ich sein, dass ich hier überhaupt schlafen konnte.

Bis Manqan geht’s flott voran. Im nächsten ort (Yalalaqi?), auf meiner karte gar nicht eingezeichnet, ist markt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die kinder kommen schon aus der schule.

Dann dreht die straße westwärts. Der mich bisher schiebende wind packt mich jetzt von der seite. Nun fängt es auch noch zu tröpfeln an. Sehr mühselig komme ich nur noch weiter. Eine kräftige schauer geht runter.

In Maku  – von hohen bergen eng eingeschlossen – kann ich mich unterstellen. Bis zum grenzort Bazargan sind’s noch 15 km.

Ein regenbogen macht mir hoffnung auf besseres wetter. Ich muss unbedingt was essen. Zum letzten mal Abguscht. Nach dem fettigen eintopf bin ich so müde, dass ich gerne hier übernachten würde. Es wäre zudem auch günstiger als in der Türkei.

Blick auf die iranische Grenzstation

Weder den iranischen kalender noch die zahlzeichen auf meinem visum noch die handhabe bei überschreitung der visafrist kenne ich gut genug, um entscheiden zu können, ob ich heute oder morgen ausreisen soll.

Ein zollbeamter an der lkw-abfertigung schaut lange in meinen pass. Mehrfach zählt er an den fingern ab. Schließlich meint er, ich könnte auch morgen noch ausreisen. Ob es denn auf türkischer seite auch ein hotel gäbe, frage ich. Ja, ja, meint er. Auf der anderen seite gäbe es  mehrere hotels.

Bis zur passkontrolle muss ich noch ziemlich steil hoch radeln. Bevor ich mir ärger einhole, will ich lieber dort nachfragen. Auf diesen zwei km werde ich ständig von schwarzgeldhändler belagert: „Change money? Dollar? Euro?“ Dabei habe ich meine letzten Rials schon in einer wechselstube umgetauscht.

Tatsächlich hätte ich noch einen tag bleiben können, meint auch der grenzer an der passkontrolle, haut mir aber vorher den ausreise stempel ungefragt in meinen pass. Das türkische zollamt liegt nur wenige hundert meter höher. Hier gibt’s einen duty free shop, eine cafeteria und ein restaurant. Alles noch ziemlich neu, leer und überdimensioniert, wie mir scheint. Mehrere Kurden sehe ich, die sich die socken und hosenbeine voller zigaretten stopfen. Schmuggel, der anscheinend von den türkischen zöllnern toleriert wird, so lange er nicht zu auffällig und in zu großem stil betrieben wird.

Mit dem grenzübertritt gewinne ich 90 minuten. In der Türkei ist es erst 15.30 uhr. Die 35 km bis Dogubeyazıt sind flach. Mehrmals geht’s sogar runter. Aber der sturm aus südwest spielt hier auf der hochebene ein gefährliches spiel mit mir. Ich muss mich stark nach links neigen und gegen lenken, um nicht von der straße zu wehen. Wenn lkw mich überholen, finde ich mich jedesmal im schotter neben der fahrbahn. Die böen sind so unterschiedlich. Für wenige minuten ist es plötzlich windstill. Dann bläst es mir in den rücken. Aber angst einjagend sind die heftigen unvermittelten windstöße von den jetzt nahen schneebergen.

Für mehrere km wendet die straße sich nordwärts. Endlich rückenwind. Jetzt müsste der Ararat – der über 5000 m hohe berg, den ich  schon so lange zu sehen wünsche, genau vor mir liegen. Aber ich sehe nur grau in grau.

An der abzweigung in den ort wird der straßezusrand erbärmlich. Der sturm lässt mich auf diesen letzten zwei km mehrfach zum stehen kommen. Die ersten häuser sind eine erlösung. Das erstbeste hotel nehme ich. Scheint von außen noch ganz manierlich. Innen ist es aber schon sehr herunter gekommen.

Wie so oft in der Türkei: Zum duschen gibt’s nur kaltes wasser. Dabei müsste ich mich so dringend aufwärmen. Hungrig und durstig krieche erstmal ins bett. Aber ich hab schon Efes-reklame gesehen. Das erste bier seit dem 24. januar (bei Saskias abschied in Dubai) genehmige ich mir zum abendessen.