HOCH PROZENTIGES

Hochprozentiges konnte ich noch nie vertragen. Weder edlen Jameson, noch billige Feiglinge. Selbst von Sherry oder gar von Abteibier, dass ja nur wenige  Prozente mehr hat als Kölsch wird mir speiübel. Markus ist im ‚Mostviertel‘ zuhause. Äpfel, birnen und vor allem marillen werden hier traditionell angebaut und verarbeitet zu marmelade aber auch zu most oder schnaps. Nichts für mich, lehnte ich dankend ab.
Als Markus mir seine geplante route durch Österreich und Slowenien zeigt, wird mir auch übel: auf der karte seh ich mehrfach steigungsprozente von 15%, aber auch 18% und einmal sogar in Slowenien 22% . Der junge kerl  traut sich so was anscheinend zu – trotz gepäck, Es ist ihm anscheinend sehr wichtig, diese pässe zu fahren.
Ich seh das ganz anders. Schon auf dem rennrad ist mir jeder hügel mit mehr als 10 -12 % ein greuel. Steile rampen komm ich wirklich kaum hoch. Hochprozentiges ist also auch bei den radanstiegen nichts für mich.

Aber um von Niederösterreich auf nicht allzu vielen umwegen nach Slowenien zu radeln, stellen sich in der Steiermark und in Kärnten mehrere lange und auch hochprozentige bergstrecken in den weg. Eine besonders anspruchsvolle kletterpartie sind die letzten drei kilometer des Sölkpasses (1790 m) in den Kalkalpen mit 16 % Steigung, nachdem ich vorher schon 15 km lang geklettert bin, allerdings unter 8 %. Bis auf 1400 m muss ich anschließend wieder hoch nach Flattnitz, auf der Grenze zwischen Steiermark und Kärnten im Gurktal.
Wieso eigentlich tal? Am schlimmsten aber erwischt es mich am nächsten tag am Wurzenpass, dem Grenzpass zwischen Österreich und Slowenien hinter Villach – nur läppische 1050 m hoch. Aber O Gott, sofort fängt er an mit 12 und 14 %, um sich dann auf 16 % zu steigern und schließlich in ein 800m langes teilstück mit 18 % zu gipfeln. Ich habe keine chanc
e. Genau das haben die drei radler aus Nürnberg mir prophezeit, die ich auf dem Sölkpass getroffen habe. Sie haben mir auch eine fahrbare alternativroute über Traviso (Italien) vorgeschlagen. Doch ich will wie immer – den direkten weg und es auch wissen. Also schiebe ich das schwere rad 600 m. Und ich weiß nicht, ob das nicht anstrengender ist, als es auf den pedalen stehend hoch zu wuchten, Aber diese möglichkeit habe ich einfach nicht mehr. Ich wackele und torkele auf der fahrbahn hin und her. Das schwere gepäck zieht mich runter auch vor allem vom kopf her. die schulter schmerzt jetzt auch wieder. Von hinten herannahende autos hupen mehrfach. Es ist gefährlich und beschämend, wie ich da herum schlängele. Für meine radlermoral schädlich ist nicht allein die tatsache, dass ich absteigen und schieben muss, sondern mehr noch die unerwartet giftigen gegenanstiege, nachdem ich bereits hoffe, richtung Kranskja Gora runter rollen zu können.
Hochprozentig ist auch die luftfeuchtigkeit am freitag und samstag. Es gießt an beiden tagen mehrere stunden. Ich warte zwar jeweils zunächst eine zeitlang ab, aber nie lange genug. Freitag bin ich ab drei durch und durch nass. Als ich dann durch den strömenden regen tief über den lenker gebeugt mahle und mahle, drehen sich die gedanken, um sinn und ziel solch eines unternehmens. Ich frage mich allen ernstes, warum ich das tue. Ich weiß es nicht in dem moment, aber angekommen in Admont – völlig durchnässt und verdreckt fühle ich die antwort.   Selbstbestimmte aufgaben mit eigener kraft übernehmen und erfahren, wie ich  mich dabei verändere und wie die welt um mich herum sich dabei verändert. Ganz oft habe ich in diesen ersten beiden wochen aber auch daran geglaubt, dass  solche aufgaben nicht nur aus mir selbst zu schaffen sind, sondern dass  da noch eine kraft mit mir ist. Herrlich!
Die ältere liebenswürdige zimmerwirtin in Admont, bei der ich um 18.30 uhr klingele, will mich zunächst nicht aufnehmen für eine nacht. Ich seh es ihrem missmutigen gesichtsausdruck an. Aber dann sagt sie achselzuckend: I hoab ein erbarmen mit Iahnen. Und als sie mir die garage fürs rad und den speicher für die nasse kleidung geöffnet hat, spüre ich genau, wie wohl sie sich jetzt fühlt wegen ihrer guten tat. Na ja, 22 € will sie am nächsten morgen inkl. frühstück schon haben. Aber meine radklamotten sind alle trocken. Bis auf die schuhe, die ich samstags nur anziehen mag mit Gore-tex-socken.
Als es dann entgegen der optimistischen wetterprognose der wirtin am samstag um 11 uhr immer noch leicht regnet, riskiere ich es erneut. Um 12 in Liezen bin ich wieder klitschenass. Außerdem ist mir kalt. Der wirt in einem café  bietet mir zum aufwärmen einen grog an. Schon wieder hochprozentiges … Auf der toilette zieh ich mich komplett um. warte dann wieder etwa eine stunde, die ich mir mit dem schreiben dieses tagebuchtextes verkürze. Um 13.30 uhr wage ich es ein zweites mal. Bis Stadl a.d. Mur bleibt es trocken. Dort gewittert es bedenklich. Ein mir am pass herunter entgegen kommendes motorradfahrerpärchen, rät mir ab, noch hoch zu fahren. es sei oben so kalt gewesen, meinen sie.
Das in schützenuniform daher kommende original mit selbst gebauter stehgeige aus einer keksdose, langem stock und nylongarn und einer riesigen hölzernen reversnadel mit der eingebrannten inschrift 150  Jahre Prinz Johann  ist ganz anderer meinung. Mit schwerer zunge, für mich kaum verständlich, meint er oben wäre schöneres wetter als hier im tal. Aber dann fängte er mir gleich an die geschichte seines idols zu erzählen, des Habsburger prinzen johann, der so viel gutes für die Steiermark getan habe,,,, Er -wörtlich-  motivierte die steierer, das fest gebührend zu feiern  in 2009. Aber er feiert anscheinend heute schon, wohl  jeden tag und trinkt dazu anscheinend regelmäßig , ob auch hochprozentiges, seh ich nicht.
Ich vertraue seiner wetterkenntnis und beginne noch an dem Pass. In St Nikolai will ich schon aufgeben. Aber da ist kein zimmer mehr frei und bei der nässe möchte ich nicht zelten. Also weiter bis zur Prinz Johann Hütte auf 1500 m. Weiter kann ich wirklich nicht mehr. Schlafplätze sind in den lagerräumen genug. Und die küche der hütte ist ausgezeichnet. Den selbstgebrannten nach dem essen lehne ich ab. Hochprozentiges bekommt mir nicht. Ich bin froh, als ich mich auf dem hochbett in meinen schlafsack wickeln kann.
Nein, in  Österreich wird mir zu viel hochprozentiges geboten. Das land sollte man trinkfesten und/oder kletterfähigen radlern überlassen. Wie froh bin ich, als ich am endlich durch bin .