Land-Frieden

Warren (Müritz) 08. 07. 2014

Durchs  Münsterland zu radeln ist auf der Strecke Ochtrup-Rheine-Bramsche eher langweilig. Je näher man dem „Teuto“ kommt, umso interessanter wird’s für sportliche Radler. Die Organisatoren haben die Strecke für burnings roads 2013 – ein seit 9 Jahren stattfindender 400 km Rad-Marathon bei dem die 100 Teilnehmer alle ins Ziel kommen sollen – absichtlich fast ohne Höhenmeter angelegt. Die  Reize der Region nördlich des Wiehengebirges liegen vielmehr  in der mit allen Sinnen spürbaren Ruhe dieser stillen Landschaft.

Verkehrslärm kommt höchstens von dem ein oder anderen Traktor und heute von den altmodisch gluckernden Motoren der Schnauferl, die sich jährlich in Ibbenbüren treffen. Betriebslärm Fehlanzeige, aus welchen Betrieben soll er auch kommen? Selbst die Hecken werden hier noch oft mit der altmodischen stillen Hand-Schere geschnitten.  Jägerzäune streichen ist auch eine geräuscharme Wochenendbeschäftigung.

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Die unscheinbaren Wasserläufe – Berkel, Issel, Vechte, Ems und Weser – stille Reviere für viele Vogelarten. Selbst das Entengeschnatter klingt hier nicht so aufgeregt wie in Elsum. Geräuschlos  gleiten Paddler an noch stilleren Anglern vorbei. Dann die großen Kanäle  – dunkel  glänzende Bänder der Gelassenheit  –  zuerst der  Dortmund-Ems-Kanal, den ich zweimal  überquere. Schließlich der mich zig-Kilometer begleitende Mittellandkanal. Der Schiffsverkehr tuckert im Wochenendmodus. Oder empfinde ich die Fahrt der langsamen Frachter und der wenigen privaten Freizeitboote so gemächlich, weil sie soweit von mir entfernt sind?

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Auch die Augen ruhen sich aus.  In dem übermächtigen Grün der Wiesen und Wälder schlafen kleine Ortschaften mit den großen Bauernhöfen in ihrem allgegenwärtigen Rot der Backsteine und  Ziegeldächer, des Radwege- und  Bürgersteigpflasters.  Rot-braun auch die meisten Fachwerkbalken. Oder grün wie die Fensterläden, Türe und Tore. Nur selten lugen weiß getünchte Fachwerkhöfe mit fast schwarzen Hölzern hinter Linden- oder Kastanienriesen hervor. Das Farbspiel wird außerhalb der Gehöfte komplettiert vom  Goldgelb der reifen Gerste, dem hellen Grüngelb des Weizens  immer wieder kornblumenblau gepunktet oder von weiß-gelben Kamillen gerändert.

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Und die Nase? Abgase, Rauch oder Industriequalm gibt’s hier nicht. Nicht mal riesige Geflügel- oder Schweine-Ställe mit ihrem unvermeidlichen Duft. Die einzelne Biogas-Anlage belästigt meinen Geruchssinn nicht. Süßlich duften an manchen Äckern die reifen Erdbeeren.  Im Großen Moor – östlich von Bramsche – steigt mir der sumpfig-modrige Geruch  stehenden Wassers in die Nase.  Erst als ich für eine Mittagspause absteige den erdigen  Geruch kühlen und feuchten Waldbodens. Später vor dem Varus-Schlacht-Museums bei Kalkriese steht die schwüle Sommerhitze in dem sonnigen, windgeschützten Innenhof. Selbst für ein Eis ist es mir hier zu heiß.

Vor Minden streife ich kurz die deutsche Fachwerkstraße und die westfälische Mühlenstraße. Schließlich rolle ich noch im Schatten einer kilometerlangen waldigen  Gerade durch das Große  Torfmoor.  Nach 145 km überquere  ich dann die Weser, auf der ein alter Flußdampfer ankert.  An Markt und Domhof erheben sich  aufwändig restaurierte, reich verzierte Fachwerkfasssaden   großer Bürgerhäuser. Cafes und Restaurans der Plätze wirken gepflegt und sind  gut besucht  Beim geschlossenen Tourist-Info finde ich in einer Ablage ein Unterkunftsverzeichnis und darin auch eine günstige ruhig gelegene Pension mit Fahrradschuppen .

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Tags drauf fahre ich weiter zum Steinhuder Meer. Der Sonntagmorgen ist wohl überall die günstigste Radfahrzeit der Woche. Die 50 Kilometer rolle ich tiefen entspannt  in das anscheinend noch beschaulichere  Niedersachsen. Die Höfe wirken noch weiter großzügiger wegen der länger gezogenen Dächer,  der integrierten Stallungen und Scheunen, den üppigen Hausgärten und  Hofwiesen.  Die Natur noch unberührter. Allein schon die vielen Störche – auf den Wiesen stolzierend oder in den Schornstein-Nestern – lassen mich glauben, hier sei die Welt noch in Ordnung. Die riesige Halde des Kalkwerkes bei  Hagenburg beweist zumindest optisch nicht unbedingt das Gegenteil. Dagegen stört der Rummel  auf den Seeterassen  des Steinhuder Meeres mich schon mehr. Diese von ihrer Ausdehnung her imposante  Wasserfläche lockt  so viele Wassersportler und Ausflugstouristen an. Das hinterlässt nicht nur angenehme Spuren.  Doch der See ist landschaftlich ein echter Hingucker.

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Nach noch einsameren Sträßchen durch ausgedehnte  Moorgebiete, nach noch mehr Gehöften und Dörfern überrascht mich Celle.  Einerseits mit den vielen schmucken Fachwerkhäusern und durch das Renaissance-Schloss ganz nah an der Aller. Andererseits durch die vielen Straßenzüge mit lauter gut erhaltenen Fachwerkhäusern. 400 davon soll es hier geben. Dass rund um den Marktplatz nach 21.00 Uhr niemand mehr in den Cafes oder Pinten sitzt, hatte mir ein gesprächiges Celler Paar schon angekündigt.  Einzig der „Blaue Engel“ ist die Ausnahme. Aber nach einem alkoholfreien Weizen muss ich auch schlafen. Die beiden Celler hatten auch den richtigen Übernachtungs-Tipp für mich:  ‚Hotel Atlantic‘ von einem überaus netten Schotten geführt, der zwar nur „sein“ Englisch spricht, aber sich um alles kümmert und jedem Gast hilft, bis er zufrieden ist. Und sein Frühstücksbüffet  bietet auch alles, was ein Radler braucht. Dazu noch scrambled eggs auf schottisch!

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Genug der kleinen Straßen und  Wege. Tags darauf  muss ich auch mal Strecke machen. Die Bundesstraße B 191 ist dazu wie geschaffen. Sie durchquert den Naturpark Südheide recht gradlinig, wobei der Radweg separat etwa 2 bis 15 Meter daneben nicht ganz so schnurgerade angelegt ist, weil er sich dem Gelände anpasst und um erhaltenswerte Bäume herumgeführt wurde. Wird nicht langweilig, den zu fahren. Aber von der Heide sehe ich nichts. Mal eine kleine Parzelle mit Blaubeeren, sonst Kiefernwald oder Kartoffelfelder. Heidekartoffeln scheinen was Besonderes zu sein. Und voll in der Blüte sehen auch die weiten Knollenfelder gut aus.

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In Uelzen dann eine architektonische Überraschung, die ich als Kontrast zu den  vielen herunter gekommenen und ungepflegten Bahnhöfen Deutschlands  toll finde: ein Friedensreich- Hundertwasser-Bahnhof. Mir gefällt, was man hier mit einigem Aufwand vor allem aber mit geschmackvollem Einfühlungsvermögen geschaffen hat. Trotz aller typischer Rundungen, Säulen, Kugeln und  Türmchen -auch hier ist wenig los. Etwas Leben bringt eine Schulklasse in den Bahnhof, solange sie auf Entdeckungsrallye durchs Gebäude streift.

 

Damit habe ich die Heide auch schon verlassen, aber noch nicht die B 191. Der folge ich jetzt ins Wendland, gespannt was an Spuren aus den aufregenden Jahren des Atomprotests im Kreis Lüchow-Danneberg noch zu finden ist. Nach Zonenrandgebiet sieht es zumindest auf meiner Strecke nicht mehr aus. Schmucke Orte, propere Häuser, gut ausgebaute Straßen – schon ein wenig verschlafen. Aber wer durch Effeld oder irgendein anderes Heinsberger Dörfchen radelt, trifft auch keinen Menschen.

Eine einzelne schon verwitterte Puppe mit einem Sponti-Spruch gegen Atomkraft, ein einzelnes X-Kreuz aus gelb lackierten Schienen, das damalige Symbol gegen die Kastortransporte, das ist alles was ich noch aus der Zeit sehe. Von der damals ausgerufenen „Freien Republik Wendland“ nichts mehr. In  Danneberg selbst sind die Erinnerungen an die damaligen Proteste schon ins bürgerliche Stadtbild aufgenommen als eine Art Denkmal mit Park und Gedenktafel. Ob   Atomkraftgegner von damals  und heute können damit nicht zufrieden sein können? Aber so ein eher unauffällige Anlage passt zu dem herausgeputzten alten Rathaus, dem Felsenbrunnen und den Fachwerkhäusern, in deren Läden ein verstärkt ökologisches Angebot bereit gehalten wird. Ob Apotheke oder Reformhaus, Lebensmittel oder  Kinderspielzeug – ganz viel  ist irgendwie „bio“. Auch eine Folge der Atom-Proteste aus den 80er- und 90er-Jahren.