MEER BERGE

Anamur, 20.03. 09
Mittelmeer! Sonne, palmen, strand, pavillons, promenaden. Mersin hat alles was man von einer südländischen urlaubsstadt erwartet.  Habe ich über sieben sommermonate gemeckert? Jetzt bin ich so froh, wieder in schönem wetter radeln zu können. Wie schnell ich regen und kälte leid war.

Morgens und abends ist es auch hier noch frisch. Frühling halt. Mittags wärmt die sonne schon meinen rücken. Urlaubsstimmung kommt wieder in mir auf. Bier gibt es wieder an jeder ecke. Kartoffel- und gemüsegerichte. Tee wieder in den bauchigen gläsern. Und von frauen sehe ich mehr als nur die augen. Viele tragen wieder sichtbare haare, busen, po und beine. Wenn auch nicht immer so sehenswerte. 

 

 

 

 

Obwohl ich lange nach dem von einem erdbeben zerstörten Pompeipolis suche, komme ich bis Erdemli. Gleich am ortsausgang gibt’s am strand unter kiefern einen weitläufigen, sandigen campingplatz. Nur für mich allein. Duschen muss ich zwar kalt. Aber die nassräume sind überraschend sauber trotz oder wegen der winterpause.       


Mein eigenes frühstück ist immer am besten. Frisches brot, schnittkäse, marmelade, joghurt, obst – alles kann ich gleich an der straße schon um 7.30 kaufen. Dazu einen riesenbecher nescafé.
Mit meinem dreckigen rad möchte ich hier in der sonne nicht weiterfahren. Am waschplatz kann ich den persischen dreck und den schlamm aus den türkischen bergen abwaschen. Kette wechseln, bremsen nachstellen, batterien im rückstrahler austauschen, luft pumpen, schmieren. Bis mittag brauche ich fast. 
Die ruinen von Elaioussa und die festung Kizkalesi im meer schaue ich mir dennoch an.
Die mosaike der drei grazien und der fisch sind lange nicht so farbig wie man sie in prospekten abgebildet sieht.
Danach ist es schon spät. Wind kommt auf hinter Silifke. Dunkle wolken wehen vom meer herüber. Es sieht nach regen aus. Ich muss mich beeilen, einen platz zu finden. Die küstenstraße wird immer hügeliger.
Drei km hinter Tasucu gibt’s in einer kleinen bucht mit weißem kiesstrand einen noch recht neuen campingplatz. Traumhaft schön gelegen. Zwei wohnmobile zähle ich, zwei wohnwagen und mein zelt. Ein restaurant gibt’s mit einem wire-less internet-anschluss. Aber mit meinem pc finde ich wieder keinen zugang. Und der fast schwarze abendhimmel verheißt nichts gutes.

Acht meter vom strand schlafe ich mit dem rauschen der wellen ein. In der nacht regnet es kräftig. Mein zelt ist dicht. Um sieben uhr morgens hört’s auf. Direkt am meer frühstücke ich. Nachdem ich alles gepackt und bezahlt habe, tropft es schon wieder. Die zufahrt zum camping ist vom regen völlig aufgeweicht. Roter schlamm spritzt bis in meinen nacken. Die ganze putzerei gestern vergebens.  
Auf den nächsten km folgen mehrere baustellen hinter einander. Die alte schöne gewundene küstenstraße zwischen Mersin und Antalya soll in den nächsten jahren komplett vierspurig ausgebaut werden. Damit hat man hier begonnen. Loser schotter, dicke steine, weicher schlamm, nasser sand, tiefe schlaglöcher, große pfützen. Immer wieder halten bauarbeiter mit kellen in der hand den verkehr an, bis sie uns gefahrlos passieren lassen. Immer wieder geht’s vom meeresniveau rauf auf zwei- oder dreihundert meter und dann wieder runter. Dazu regnet es ruhig vor sich hin.
Nach vier stunden bin ich 52 km weiter und an rücken und armen durch und durch nass. Der regen hat aufgehört. In einem restaurant ziehe ich mir trockene sachen an. Dort esse ich ein omelett mit gebratenen tomaten.
Als ich um halb vier wieder aufsteige fegt mir der wind vom meer auf meine linke seite. Je nachdem wie hoch über dem meer ich bin und wie frei der wind in die berge blasen kann, drückt er mich fast von der straße. Gerade an brücken ohne geländer, an abhängen ohne leitplanken, packt er mich. Mehrmals kann ich nur ängstlich die füße an den boden setzen.
Nichts mehr von urlaubsstimmung. Nur noch schwer nach oben im wiegetritt. So kräftig am lenker ziehen und in den abfahrten bremsen, dass die finger schmerzen. So krampfhaft den lenker gegen den seitenwind halten, dass die handballen rot anlaufen. Wenn jetzt noch eine baustelle kommt oder noch so ein steiles stück, weiß ich nicht, wie ich weiter komme. Ich  verzweifle. Hadere mit meinem gott. Will er nicht, dass ich weiter komme? Soll ich aufgeben  und einfach stehen bleiben? Hier ist kein haus, keine hütte, nichts. Von wegen mal eben mit dem rad vom Iran nach hause fahren. Muss ich lernen, noch demütiger und bescheidener zu sein? 
Wenn der wind nochmal so böse zu schlägt, werde ich mich nicht mehr halten können. Es ist schon fast dunkel. Lichter unter mir. Aydincik muss das sein. Vier kilometer geht’s runter. Der wind lässt mich vorsichtig bremsen. Dennoch überhole ich mehrere ältere lkw. Noch eine brücke. Dann der dunkle stille ort. Die Pansyon Altan ist die erste unterkunft, die ich entdecke. Ein kahles, kaltes dreibettzimmer. Kein warmes wasser. keine handtücher. Nur schnell waschen. und warme sachen anziehen. Alle feuchten klamottem an den gardinenhaken aufhängen. Bügel gibt’s auch nicht. An der marmorspüle koche ich auf meinem brenner nudeln mit käsesoße. Danach noch tee. Dazu die letzten plätzchen. Dann kuschele ich mich in meinem warmen schlafsack. Wie kann ich nur nach all dem schutz und der hilfe, die ich unterwegs erfahren habe, so schnell kleingläubig und misstrauisch werden. Ich schäme mich und bitte um nachsicht.

Morgens sind die radsachen wirklich alle trocken. Ein halber liter milch und 250 g müsli sind mein frühstück. Dazu natürlich kaffee. Neun uhr sitze ich auf dem rad. Die sonne scheint. Das meer glitzert blausilbern aus der höhe. Der wind ist heute viel ruhiger und kommt aus den bergen. In den steigungen stört er kaum, weil  die berge mich vor ihm schützen. Auf den gefällstrecken schiebt er mich richtung meer. Heute stören nur die grellen durchsagen und die scheppernde musik der werbe-karavanen verschiedener politischer parteien. Die Türkei wählt nämlich bald.

Die alte küstenstraße ist hier noch unversehrt.  Sie erinnert stark an Milan-San Remo. Wie an der blumenriviera sind hier auch die berge mit gewächshäusern verglast. Tomaten, Bohnen, Kiwi und Bananen werden hier allerdings gezogen.        

 

 

 

Rasch komm ich voran. Wie viel leichter das klettern mir heute fällt! Kurz vor meinem heutigen ziel Anamur besuche ich noch die gut erhaltene burg Marmure. 39 türme ragen aus dem meer und schützen die moschee in ihrer mitte.