MIR REICHTS

Safa Shar 01.03.2009

Nach Teheran will ich gar nicht. Die stadt ist wenig attraktiv, nur riesig. Der verkehr ist chaotisch. Witzig sind nur die tausenden mopedtaxen.

Die metro ist überfüllt. Da bekomme ich platzangst. ‚Schwart van de lüe‘ gibt’s in meinem dialekt als ausdruck für eine große menschenmenge. Nirgendwo trifft er besser zu als in der u-bahn Teherans. Diese drängelnden menschenmassen zu fotografieren, erlauben uns zwei der weiblichen ’sittenpolizistinnen‘ nicht. Sie kontrollieren auf unseren kameras, ob wir die fotos tatsächlich gelöscht haben.

Blick aus meinem Hotelfenster in Teheran.

Beim ersten frühstück in Teheran eröffnet Max mir, dass er zur zeit mit sich nicht ganz im reinen sei. Er wolle mehr über sich nachdenken können. Dazu möchte er zunächst einmal im Iran alleine weiter radeln. Als er mein fragendes gesicht sieht, meint er wörtlich: ‚Das hat nix mit dir zu tun!‘ Was das auch immer heißen mag. Ich kann ihn gut verstehen. Bin ja selbst immer froh, wenn ich alleine mit meinen gedanken auf dem rad sitze.

Samstags hat das usbekische konsulat zu. Nach einer irrfahrt mit metro, bus und taxen finden wir die kasachische statt der kirgisischen botschaft. Ein kasachischer angestellter gibt mir durch die haussprechanlage eine telefonnummer der kirgischen botschaft, die Max aber schon aus dem internet hat. Unter der nummer meldet sich aber niemand. Bei der iranischen ausländerbehörde, wo wir das visum für den Iran verlängern lassen wollen, weil wir mit 30 tagen nicht auskommen werden, weist uns der wachhabende polizist um 15.30 uhr ab. Finished!, sagt er nur lapidar und drängt uns aus dem tor, durch das wir auf den hof geraten sind. Max ist unglaublich wütend. Er schimpft laut vor sich her. Hier will er nicht mehr hin, sondern die  visumverlängerung für Iran jetzt in Esfahan versuchen.

Am zweiten tag sind wir um zehn an der usbekischen botshaft. Hier treffen wir Florence und Tom, radler aus Straßburg, die seit einer woche auf das visum für Usbekistan warten. Sie wollen über Zentralasien, Russland und die Ukraine zurück nach Europa. In Istanbul sind sie schon aus der russischen botshaft rausgeworfen worden, weil sie nochmal nachgefragt hatten, wieso es denn nicht möglich sei… Das macht Hoffnung!

Wir werden einzeln in den vorgarten der botschaft eingelassen. Auf der außentreppe öffnet sich ein kleines fensterchen, durch das ich meinen pass zeigen und mein anliegen vortragen kann. Ob ich denn das beglaubigte schreiben der deutschen botschaft hätte, dass ich als tourist in Usbekistan einreisen will, werde ich gefragt. Ich sage, nein, denn in Dubai hätte auch niemand dieses schreiben verlangt. Die gepflogenheiten in Dubai interessieren ihn nicht. Ich muss zur deutschen botschaft. Die habe ich schon gesehen. An der Fedowski-straße, im zentrum der stadt. Das schaffe ich vielleicht bis elf, aber dann komme ich nicht mehr vor zwölf hierhin. Und morgen am 1. März ist ein usbekischer feiertag. Da ist die botschaft zu, erklärt mir der herr freundlich.

Enttäuscht laufe ich los. Mit einem taxi zur metro, mit der metro zum Khomeini-platz. Mit mopedtaxi zur deutschen botschaft. Vor beiden eingängen menschentrauben. Viele drängeln, andere hocken auf dem bürgersteig. Heute ist visa-antrag-tag, erklärt mir ein deutsch sprechender Iraner. Dann sei hier immer so ein auflauf. Auch hier dürfen die antragsteller nur einzeln oder in zusammengehörenden gruppen eintreten. Ich versuche es an einem dritten verschlossenen tor. Der davor wachhabende „diplomatic police“-man schüttelt mit dem kopf. Hier komme ich nicht rein. Auch fotos soll ich nicht machen. Trotzdem zoom ich mir diese zustände heran und halte sie fest. Sie geben mir nämlich den rest.

 

Dass für das usbekische visum hier in Teheran für 105 dollar zu zahlen sind (in Dubai ’nur‘ 66), das transitvisum für Turkmenistan 70 dollar kostet, die botschaften Österreichs und Deutschlands für ein vorgefertigtes beglaubigungsschreiben 42 euro nehmen, das  hätte ich ja noch in kauf genommen. Dass ich von jungen schnöseligen polizisten oder eingebildeten botschaftsangestellten herablassend behandelt werde, da steh ich inzwischen drüber. Aber mehr als eine woche in Teheran rumhängen, um dann mit einem visum ein anderes beantragen zu können, für das wir dann nachher nochmal hierhin zurück kommen müssen. Das dauert mir einfach zu lange.

Mir rennt die zeit einfach davon. Erst ende märz rechnet Max damit, in Turkmenistan einreisen zu können. Anders als ich muss er nicht zu einem bestimmten termin zu hause sein. Mir bleiben dann maximal noch drei monate, um bis Xian zu kommen. Von Ashgabat aus sind es aber mindestens noch 5000 km. Dazu müsste es mir noch gelingen, in Deutschland in meinen zweitpass das visum für China zu bekommen und mir an irgend eine adresse nachschicken zu lassen. Das ist mir alles zu stressig. Radfahren möchte ich, ohne zeitdruck, ohne bürokratie, ohne wenn und aber. Einfach drauf los radeln. Täglich mein pensum runterspulen. Distanzen zurück legen und mich frei fühlen.

Am 28. Februar – genau sieben monate nach meiner abreise – entschließe ich mich, meine reiseroute entscheidend zu ändern. Von Safa Shar, wo mein rad noch steht, werde ich über Esfahan und Täbriz auf der westlichen seidenstraße wieder zurück nach Europa radeln.

Max bleibt weiter in Teheran. Die wartezeit überbrückt er mit einer busreise nach Yazd. Er will um jeden preis nach China. Für den 1. mai hat seine freundin Birgit schon einen flug über Peking nach Urumqi gebucht. 15 tage wollen sie dort zusammen radfahren. Ein fahrrad will sie dort kaufen und anschließend wieder vor ort verkaufen. Klar, dass Max überhaupt nicht daran denkt, seinen plan zu ändern.  Alles, alles gute wünsche ich ihm. Viel glück auf der strecke und geduld bei den visa-anträgen. Inständig hoffe ich, dass er sein ziel erreicht. Nicht nur Peking oder Lhasa, sondern dass er auf seinem weg heraus findet, was er nach der reise machen will.

Max ist ein toller kerl! Ihm habe ich viel zu verdanken. Gerne war ich mit ihm unterwegs. Mit seinen fähigkeiten kann er alles erreichen. Nicht nur China oder Tibet, das er so gerne  besuchen möchte. Vielleicht sogar die audienz beim Dalai Lama!