Sommer-Wind

 

Pinnow , 09.07.2014

Mit der Elbe erreiche ich Mecklenburg-Vorpommern und überquere die ehemalige Grenze BRD-DDR. Dass auf der Hinweistafel zum Datum auch die Uhrzeit der Grenzöffnung vermerkt ist, gebührt nicht nur die historische Genauigkeit, sondern dokumentiert auch, wie unterschiedlich lange es in den verschiedenen Grenzabschnitten gedauert hat, ehe man sie ungehindert übertreten konnte. Hier war es erst ab dem 7. 12. 89 um 10 Uhr möglich. Auf der Tour nach Eisenach habe ich eine Tafel fotografiert, an der bereits am 17. November um 6 Uhr morgens die Grenze aufging.

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Mit dem Gespann in den Westen

Immer noch fahre ich auf der B 191. Jetzt schon 110 km. Sie ist hier leider nicht mehr so schattig. Und es wird immer wärmer. Es weht nur ein laues Lüftchen. Bei Tempo 20 spürt man nicht viel Fahrtwind. Inzwischen ist es fast drei Uhr. Ich bin völlig durchgeschwitzt. Meine Getränke sind alle. Die Imbissbude „B 191“ kommt wie gerufen. Cola, Wasser, Schorle ich kaufe gleich drei Flaschen.

Auf den nächsten 35 km ist die Straße noch nicht vollständig neu ausgebaut. Aber wegen der gerade beginnenden Arbeiten auf mehr als 10 km vollgesperrt. Für mich ideal. Denn der alte Belag ist noch gut und ich radle allein an den Baggern vorbei, die erst Bäume und Sträucher roden für den Radweg. So komme ich ungehindert gut voran. Aber der Wind nimmt zu. Ein Gewitter droht. Ich muss mich beeilen bis Ludwigslust. Gegen halb sechs mit den ersten dicken Tropfen erreiche ich die erst im 18. Jahrhundert gegründete und auf dem Reißbrett entworfene Stadt.

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Zunächst  ließ ein Schweriner Herzog Ludwig das Schloss bauen und im Anschluss daran die Stadt, die für kurze Zeit auch die Residenz der Schweriner Fürsten war, hauptsächlich aber als Garnisonstadt diente – übrigens noch bis 1992 für russische Truppen. Solche rechtwinkligen Städte wirken streng und wenig charmant. Der als einfaches Jagdschloss bezeichnete Herzogssitz und die etwas später errichtete Hofkirche, deren Eingang eher einem Theater gleicht, liegen sich gegenüber und biiden mit dazwischen gelegenem Park ein sehenswertes Ensemble. Die sie umgebenden niedrigen Wohnhäuser und der lichte Baumbestand erinnert mich an Beginenhöfe in Flandern, wobei hier sicherlich früher keine sozial engagierten katholischen Frauen sondern preußisch-protestantische Soldaten gelebt haben.

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Die heutige Grunschule von Ludwigslust war früher ein Lehrerseminar

Pension Schwarzenberg ist ausgeschildert. Auf meine Zimmeranfrage hin muss der Eigentümer erst seine Frau fragen, ob sie mich für eine Nacht aufnehmen. „Wenn er keine Bettwäsche braucht…“, scherzt sie für mich ein wenig zu bitter. Ich biete ihr an, im Schlafsack zu pennen. Aber das nimmt sie nicht an. Schließlich erweist der Herr des Hauses sich als sehr hilfsbereit und freundlich. Er kümmert sich trotz des heftigen Regens  um mein Rad und bewirtet mich zuvorkommend  beim Frühstück. Seine Frau sehe ich nicht mehr.

Regen-Start in die Mecklenburger Seenplatte. Dazu Wind aus Nordost. Aber es ist immer noch deutlich über 20 Grad warm. Ludwigslust – Parchim, immer noch entlang meiner Lieblings B 191. 35 km in zwei Stunden. Füße und Kopf  klitschnass. Regenjacke und -hose haben Oberkörper und Beine von außen trocken gehalten. Immer das gleiche Leid mit der atmungsaktiven Regenkleidung. 2. Frühstück bei Lidl. Meine Haare trockne ich mit nem Handtuch. Es weht hier auf dem Parkplatz besonders stark, aber der Regen hört auf. Ich wechsele auch die Socken.

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Diaspora 

Auf den nächsten 30 km über die B 191 bis Pau am See merke ich, dass die Mecklenburger Seenplatte eine Endmoränen-Landschaft ist: sanft gewellt, kleine Wäldchen, große Ackerflächen, Seen und Tümpel dazwischen. Eine abwechslungsreiche Landschaft, die Radfahrer begeistert. Nur der Ostwind trübt heute das Vergnügen ein wenig.

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Plattenbauten bei Parchim

Pau und der Pauer-See wirken noch still und verträumt. Die vielen Übernachtungsangebote, all die kleinen Cafes und Buden – vor allem in der Nähe der Hubbrücke und des Hafens, von wo aus man See-Rundfahrten starten kann,  lassen vermuten, dass es hier in der Hochsaison ganz schön voll werden kann.

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Auf dem nördichen Bogen um den See muss ich schon wieder eine Bundesstaße nehmen, die mich nach Malchow bringt, aber vom See kaum was blicken lässt. Den See-Rundweg habe ich zunächst eingeschlagen. Aber der war so holprig wegen der Baumwurzeln oder Kopfstein gepflastert. Da hätte ich für die 18 km bis Malchow am Fleesensee noch mehr als eine Stunde gebraucht. In Malchow sind viele Touristen unterwegs, selbst eine Radtouristen-Gruppe aus der Schweiz. Auf der mit viel Beton und Stahl modern gestalteten Seeterrasse herrscht Rummel. Sogar im roten Doppeldecker-Bus kann man den See umrunden. Über den künstlich geschaffenen „Erddamm“ radle ich auf die östliche See-Seite am Kölpinsee vorbei zur Müritz. Welch eine Wasserfläche! Leider kann ich den ruhigen See gar nicht  genießen, geschweige denn schwimmen. Wieder zieht ein Gewitter auf. Waren ist ein ganz besonders schönes Städtchen. Auch dafür hab ich jetzt kein Auge. Rasch im Verkehrsamt ein Hotel am Bahnhof gefunden und  nichts wie hin. Aber der Gewitterguss erwischt mich noch. Durch die Brille kann ich auf dem Navi nichts mehr lesen. Ich nehme eine falsche Straße. Muss umkehren. Wieder alles nass. Aber das Zimmer ist okay und auf dem  Heizkörper im Bad trocknen die Sachen bis morgen früh.

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Auf der voraussichtlich letzten Etappe durch Vorpommern bleiben  die Landschaft und der Gegenwind am nächsten Tag unverändert. Wie würde ich dieses Stück genießen: ruhige Straßen, kleine Dörfer, die schattigen grünen Tunnel der Alleen, blühende Äcker, sanft geschwungene bewaldete Hügel. Wenn der Seitenwind nur nicht so heftig wär. Auch wenn hier Straßenzüge immer wieder gepflastert sind. Solche Knubbel schlucken meine dicken Reifen. Auch wenn hier immer wieder mal seichte Wellen über kleine Anhöhen führen. Auf der anderen Seite rolle ich umso leichter runter.Nur der Wind macht die herrlichen Sommeretappe richtig anstrengend. So anstrengend, dass ich schon 20 km vor dem angepeilten Zielort Usedom stoppe.

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Ein Hinweisschild  „Zelten und Duschen“ an einer Wiesen-Einfahrt neben einem Bauernhof lassen mich eine günstige Übernachtung vermuten. Ein polnischer Erntehelfer klettert aus seiner Holzhütte. „Ja“, zelten könne ich hier und duschen dort hinten an dem Wohncontainer. Aber der Chef habe auch günstige Zimmer. Den Chef finde ich der Garage. Er hat mich vorhin hinter Anklam überholt. Die Bundesstraße hält er für Radfahrer zu gefährlich. Bei dem Wind hätte ich es auf der Geraden doch besonders schwer gehabt. Ich glaube, er hat es Mitleid mit mir: „Für 15 Euro (ohne Frühstück) bauste doch dein Zelt nicht auf.“  Eine etwas in die Jahre gekommene Zweizimmer-Wohnung mit unansehnlichem aber funktionierendem Duschbad, kleiner Küche und einem schmalen Bett wird mein Domizil für eine Nacht in Pinnow. Während ich nebenan in der Imbissbude noch eine Portion Sauerfleisch mit Bratkartoffel verdrücke, richtet der Bauer mir den Sat-Receiver ein, damit ich das WM-Spiel in meinem Zimmer schauen kann. Schon spät lädt er mich schließlich ein zu einer Flasche Bier auf den verwitterten Gartenmöbeln unter dem rauschenden aber kranken  Kastanienbaum. Es ist noch schön warm. Doch es sieht nach Gewitter aus Der Wind hat eher noch zugenommen.

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Steintor in Anklam